Andernach

St. Stephan

Anschrift Kirche
Friedlandstraße 31
56626 Andernach

Ein Stück vom Louvre

Am südlichen Rand von Andernach, wo die Familien damals teils noch in Baracken untergebracht waren, entstand in den 1960er Jahren ein neuer Stadtteil mit einem neuen Gemeindezentrum: ein Gebäudekomplex wie eine klassische Klosteranlage mit zwei Innenhöfen. Inspiriert vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), sollte alles überragt werden vom “Zelt Gottes” unter den Menschen. Der Architekt Hans Schädel formte eine Kirche für das wandernde Gottesvolk und Gemeinderäume als Ort der Begegnung. Nicht zuletzt geriet die Kirche zum Denkmal der deutsch-französischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg: Das Holz für die Portale kam aus dem Deckengebälk des Pariser Louvre – es wurde der Gemeinde gestiftet vom damaligen französischen Kultusminister André Malraux.

  • Überblick
    Ort
    Andernach

    Bistum
    Bistum Trier

    Name der Kirche
    St. Stephan

    Weihe
    1968 (24. März)

    Architekten
    Jürgen Schädel, Hans Schädel

    Künstler
    Pierre Székely, Vera Székely, Egino Weinert
    Besonderheit
    Die Zelt-Kirche im Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde zugleich zur Erinnerungsstätte für die deutsch-französische Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg.

    Nutzung
    eine von mehreren Kirchen in der Pfarreiengemeinschaft Andernach

    Standort / Städtebau
    Am südlichen Stadtrand, in einem dichtbesiedelten Wohngebiet gelegen, wird das Gemeindezentrum durch zwei Mauerscheiben "im Stil heimischer Weinbergmauern" zur Straße und zum gegenüberliegenden viergeschossigen Miethaus hin abgeschirmt

  • Beschreibung

    Grundriss und Außenbau

    Andernach | St. Stephan | Außenbau | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Foto: Frederik Simon

    Im Grundriss weist St. Stephan die Form eines Klosters auf: im westlichen Querbau die Pfarrwohnung und das Pfarrbüro, in der Mitte ein großer Gemeindesaal, im Osten die Kirche. Durch einen Gang entlang der Südmauer werden alle Teile miteinander verbunden, die zwei Innenhöfe einschließen. Im verbindenden Teil befinden sich auch die Sakristei und das Beichtzimmer, das man durch die Kirche betreten kann. Die Gesamtlänge der Anlage beträgt 92 Meter, die Breite 32 Meter. Über den Kirchenbau auf quadratischem Grundriss (etwa 35 x 35 Meter) wölbt sich eine kegelförmige Kuppel mit einem Durchmesser von 25 Metern.

     

    Innenraum

    Andernach | St. Stephan | Innenraum | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Foto: Frederik Simon

    Wer St. Stephan betreten möchte, geht zunächst durch den Innenhof (Lichthof) des Gemeindezentrums (zwischen Kirche und Gemeindesaal). Auf der rechten Seite befindet sich “im römischen Verbund der Basaltplatten eine Platte mit astronomischen Zeichen”: der Ort für das Osterfeuer. Rechterhand wird aus gewaltigen Steinen ein Brunnen gebildet, dessen Wasser unter der Kirchenmauer bis in den Taufbrunnen strömt. Die Deckenkonstruktion der Zelt-Kirche wird von vier “Säulen” getragen. In der Mitte der Kuppel, direkt über dem Altar, fällt durch eine Öffnung das Tageslicht. Der Innenraum ist mit schwarzem Lava und Basalt ausgekleidet. Nur die östliche Rückwand aus dünnen weißen Marmorscheiben lässt morgens das Sonnenlicht herein.

  • Liturgie und Raum
    Andernach | St. Stephan | Ambo und Sedilien | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Ambo und Sedilien | Foto: Frederik Simon

    Der Kirchenraum auf quadratischem Grundriss wird von einer kegelförmigen Kuppel überfangen. Im Zentrum ruht der Altar auf einer achteckigen zweistufigen Insel. Ebenfalls um zwei Stufen erhöht, stehen im Osten der Ambo und die Sedilien. Mittig vor der Ostwand sticht der markante Vorstehersitz ins Auge. Wichtige liturgische Orte verbinden sich mit den vier “Säulen”, welche die Decke stützen: An der Rundstütze neben dem Ambo findet sich der Buchstein, auf dem das Evangelium ruht. Auf der linken Seite vor der Marmorwand ist der Tabernakel aufgebaut. Die dritte “Säule” markiert den Taufbrunnen, der über das fließende Wasser den Innen- mit dem Außenraum verknüpft. An der vierten Rundstütze kann eine abstrakte reliefierte Metallarbeit als Mariendarstellung verstanden werden.

  • Ausstattung
    Andernach | St. Stephan | Brunnen im Innenhof | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Brunnen im Innenhof | Foto: Frederik Simon

    Gerade bei den wichtigen liturgischen Orten (Altar, Ambo, Sedilien, Tabernakel, “Buchstein” und Taufbrunnen), aber ebenso bei Akzenten im Außenraum wie der äußeren Brunnengestaltung, durchdringen sich die Ideen des Würzburger Architekten Hans Schädel mit den Ansätzen des Pariser Bildhauers Pierre Székely. So entstanden organisch durchgeformte, funktional durchdachte und zugleich deutungsreiche Kunstwerke. Aus dem zylindrischen Altarstein beispielsweise ragt zur Seite ein weiterer Stein, der Reliquien des Einsiedlers Simeon (12. Jahrhundert) birgt. Ihm schräg gegenüber trägt ein zweiter, noch mächtigerer Stein (“Lichtarm”) sieben Kerzen für die sieben Sakramente. Zur Bauzeit schuf Vera Székely die abstrakte Portalgestaltung, das Kreuz und die abstrakte Mariendarstellung an der vierten “Säule”. Erst einige Jahre später ergänzte die Gemeinde links neben dem Turmeingang eine gegenständliche bronzene Marienfigur des Künstlers Egino Weinert. Direkt daneben findet sich der Grundstein aus einem Fragment aus der Kathedrale St. Etienne in Toul, der Partnergemeinde von Andernach. Die Orgel wurde von der Werkstatt Gebrüder van Vulpen aus Utrecht gefertigt.

  • Von der Idee zum Bau
    Andernach | St. Stephan | Grundstein | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Grundstein | Foto: Frederik Simon

    Der Bau des Gemeindezentrums St. Stephan war Mitte der 1960er Jahre zwei Notwendigkeiten geschuldet: Einerseits wuchs Andernach damals immer weiter nach Süden, andererseits lebten hier viele kinderreiche und sozial benachteiligte Familien. Der Bauherr der Kirche, Günter Schmidt, zuvor Kaplan an St. Albert (Andernach), nahm sich dieser neuen Gemeindeglieder als Pfarrvikar bzw. Pfarrer von St. Stephan an. Begeistert durch die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums, wurde unter seiner Leitung am 19. Juni 1966 der Grundstein gelegt. Nach etwa zweijähriger Bauzeit erfolgte am vierten Fastensonntag, am 24. März 1968 die Weihe der neuen Kirche durch den damaligen Bischof Dr. Bernhard Stein. Architekt des Gemeindezentrums war der Würzburger Dombaumeister Hans Schädel, den man nach einem Wettbewerb beauftragt hatte.

  • Der Architekt Hans Schädel
    Andernach | St. Stephan | Kuppel | Foto: Frederik Simon

    Andernach | St. Stephan | Kuppel | Foto: Frederik Simon

    Der 1910 in Randsacker bei Würzburg geborene Hans Schädel besuchte zwischen 1928 und 1933 die Technische Lehranstalt in Nürnberg. Sein berufliches Wirken vor allem als Kirchenbauer ist eng mit Würzburg verbunden: Hier arbeitete er von 1938 bis 1945 als Stadtbaumeister, leitete von 1946 bis 1974 das Bauamt der Diözese. Überregional wurde Schädel bekannt durch Projekte wie die Berliner Gedenkkirche “Maria Regina Martyrum” (1963, mit F. Ebert). Hans Schädel verstarb 1996 im Alter von 86 Jahren.

    In Andernach schuf Schädel einen Kirchenraum, der als Beispiel für seine Abkehr von einer eher statischen hin zu einer bewegteren Formensprachen gelten kann. Hierbei tauschte er sich mit dem reformfreudigen Andernacher Pfarrer Günter Schmidt aus. Gemeinsam setzten sie für St. Stephan z. B. (gegen die Bischöfliche Behörde in Trier) die räumliche Trennung von Altar und Tabernakel durch. Die Kooperation mit dem Künstler Pierre Székely wurde ergänzt durch die Mitarbeit des Architekten Jürgen Schädel, der seinem Vater später auch in das Amt des Würzburger Dombaumeisters nachfolgen sollte.

  • Literatur (Auswahl)
    • Brigitte H. Hammerschmidt: Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts im rheinland-pfälzischen Teil des Bistums Trier (Geschichte und Kultur des Trierer Landes 4), Trier 2006, 222, 326, 585 (zugl. Diss., Trier, 2003).
    • Die Kirche St. Stephan in Andernach. Ein heiliger Versammlungsraum für das wandernde Gottesvolk, hg. von der Pfarrei St. Stephan, Andernach 1997.
    • Eberhard T. Müller: Modernes Zeugnis jüngster Kirchengeschichte. “eine Gemeinde mitten im Leben” feiert ihr 40. Jubiläum, in: Heimatbuch. Landkreis Mayen-Koblenz, 2009, 30-31.
    • Hugo Schnell: Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Dokumentation. Darstellung. Deutung, München u. a. 1973, 191.
    • Yvonne Stock: Andernach: Jubiläum in Andernach: Gemeinde St. Stephan feiert 50. Geburtstag, in: Rhein-Zeitung 25. August 2016 (Abruf: 12. April 2021).

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt.

Text: Frederik Simon M. A., Trier (online seit 08/2017)

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