Essen-Überruhr

St. Suitbert

Anschrift Kirche
Klapperstraße 72
45277 Essen
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche Zur Webseite
    Geöffnet zu den Sonn- und Feiertagsgottesdiensten, ansonsten zu den Öffnungszeiten des Pfarrbüros oder Schlüssel bei W. Friese (0201 8585126).
    Anschrift Pfarramt St. Josef Essen Ruhrhalbinsel
    Klapperstraße 72
    45277 Essen
    0201 480427
    E-Mail
    Zur Webseite
    Öffnungszeiten Pfarramt DI und FR: 9.00 - 12.00 Uhr
    MI: 15.00 - 18.00 Uhr
    Gottesdienstzeiten Kirche SO: 11.30 Uhr
    Die aktuellen Gottesdienstzeiten können online eingesehen werden unter: https://st-josef-ruhrhalbinsel.jimdo.com/startseite/gottesdienste/.
    Kirchen im Westen

“Unterm Zeltdach lagert die Gemeinde”

So formuliert es die katholische Kirchenzeitung von Essen-Überruhr-Holthausen 1966 zur Weihe von St. Suitbert. Das sattelförmige Dach erregt Aufsehen; die örtliche Presse spricht von einem wuchtigen Riesenzelt aus Beton. Gemeinde und Architekt beziehen sich auf den biblischen Gedanken, dass Gott unter einem Zelt – oder eben Dach – inmitten der Menschen wohnt. Darum stellen sie auch den Altar ins Zentrum der Kirche. Vor den Augen des Betrachters entfalten sich hohe schlichte Betonwände. Von ihnen geht eine spürbare Würde aus, die gleichzeitig einladend wirkt: damals wie heute “ein kühner und gut gelungener Bau” der Nachkriegsmoderne.

  • Überblick
    Ort
    Essen-Überruhr

    Bistum
    Bistum Essen

    Name der Kirche
    St. Suitbert

    Weihe
    1966 (2. April)

    Architekt
    Josef Lehmbrock

    Künstler
    Willi Dirx, Gottfried Kappen, Josef Lehmbrock
    Besonderheit
    In vorkonziliarer Zeit geplant, zeigt der Kirchenbau eine zentrale Altarlösung. Gefaltete Stahlbetonwände werden von einer freitragenden Betonschalen-Konstruktion überfangen.

    Nutzung
    Gemeindekirche der Pfarrei St. Josef, Essen Ruhrhalbinsel

    Standort / Städtebau
    Die Kirche liegt inmitten der Essener Wohnsiedlung Überruhr-Holthausen, unmittelbar umgeben von Funktionsgebäuden der Gemeinde (Pfarrhaus, Pfarrzentrum, Kindergarten). In ihrer Größe tritt sie der Wohnbebauung gegenüber nicht wesentlich in Erscheinung. Ihre Wirkung geht von ihrer außergewöhnlichen plastischen Form aus.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Essen | St. Suitbert | Grundriss

    Essen | St. Suitbert | Grundriss

    Im Grundriss zeigt sich die Kirche annährend als breit gelagerte Ellipse. An den beiden Enden der Hauptachse sind die Wände nach innen eingewölbt. Dass diese zudem konisch verlaufenden Wandstücke die gesamte Dachlast tragen, ist an ihrer massiven Breite ablesbar. Die zum Altar und zum Eingang weisenden Seiten sind als Stahlbeton- und Faltwände errichtet und stützen sich gegenseitig ab. Dabei zeigen die einzelnen Faltelemente, deren Mittelknick in der Länge verläuft, abwechselnd nach innen und nach außen. Sie sind untereinander durch schmale Glasstreifen verbunden. An der Altarwand betont das breiteste Betonelement das Zentrum mit dem Altar, den (aus Sicht der Gemeinde) links die Taufe und rechts der Tabernakel zur Seite gestellt sind. Zu den Rändern hin nimmt die Breite der einzelnen Betonglieder stetig ab.

     

    Außenbau

    Essen | St. Suitbert | Außenbau | Foto: Gereon Alter

    Essen | St. Suitbert | Foto: Gereon Alter

    Von der Klapperstraße zum Hauptportal führt der Weg über eine große Freifläche, die sich für Prozessionen, als Treffpunkt sowie für Parkplätze eignet. Derart in die Tiefe des Grundstücks gerückt, ist die Kirche nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar. Zudem überragt sie die umliegenden Baukörper nur unwesentlich. Bestimmend sind das außergewöhnliche Kirchendach und die “gefalteten” Längswände, die vollständig miteinander verbunden sind. Das Dach, eine freitragende und wenige Zentimeter dünne Betonschalenkonstruktion, bildet einen breit gelagerten Sattel aus. An seinen kurzen Schmalseiten wird es von zwei Wänden als Widerlager getragen (hyperbolischer Paraboloid). Die früher betonsichtige, heute isolierte, verputze und weiß gefasste Faltwandkonstruktion beeindruckt vor allem an ihrer hochaufragenden Rückseite (Altarseite), die sich in leichter Schräglage neigt. Neben der Kirche befindet sich ein Stahlgerüst mit einer kleinen Bronzeglocke – ein vom Architekten geplanter Glockenturm mit Verbindungsbau zur Kirche wird aus finanziellen Gründen nicht umgesetzt.

     

    Innenraum

    Essen | St. Suitbert | Innenraum | Foto: Gereon Alter

    Essen | St. Suitbert | Foto: Gereon Alter

    Im weiten einheitlichen Kirchenraum konzentriert sich alles auf den Altar. Dieser findet sich in der zentralen Sichtachse gegenüber dem Eingangsportal auf einer beinahe halbrunden Altarinsel aus Kattenfels-Marmor. Dieser Bereich ist um vier Stufen erhöht, während der übrige Fußboden zum Altar hin leicht abfällt. Um das Halbrund – und somit um den Altar – sind fächerförmig sechs Bankblöcke angeordnet. Weitere liturgische Orte und Funktionsräume verteilen sich symmetrisch zur mittleren Sichtachse: z. B. Tabernakel, Taufbecken, Ambo, Beichtstühle und Kreuzweg.

  • Liturgie und Raum
    Essen | St. Suitbert | Innenraum | Foto: Gereon Alter

    Essen | St. Suitbert | Foto: Gereon Alter

    Die Planung der Kirche findet zwar vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) statt, nimmt aber bereits ein wesentliches Anliegen der Liturgischen Bewegung auf: Die Gemeinde soll sich um den Altar versammeln. Großen Anteil an diesem Konzept hat der damals verantwortliche Pfarrer Karl Helmut am Zehnhoff (1915-85). Wesentlich für die konzentrierte Raumwirkung ist der indirekte Lichteinfall – über die vertikalen Glasstreifen zwischen den Betonelementen und die beiden horizontalen Glasbänder unter dem Dachansatz. Das künstliche Licht der zahlreichen zylindrischen Pendelleuchten betont den Altarraum. Nach umfassender Betonsanierung und Renovierung 1988-90 zeigt sich auch der Kirchenraum verändert, vor allem durch die farbliche Gestaltung der vorher betonsichtigen Altarwand. Geometrische Felder in Gelb- und Grauschattierungen sowie etwas Rot bringen hier die Wandelemente zum Leuchten.

  • Ausstattung
    Essen | St. Suitbert | Altarkreuz | Foto: J. Hagelueken, CC BY SA 4.0

    Essen | St. Suitbert | Altarkreuz | Foto: J. Hagelueken, CC BY SA 4.0

    Ursprünglich ist die Kirche sparsam mit den wichtigsten liturgischen Gegenständen ausgestattet. Altar, Ambo und Tabernakel werden nach Entwürfen des Architekten Josef Lehmbrock in kubischen Formen aus Marmor geschaffen. Je ein Beichtstuhl ist in den beiden kräftigen Wänden der Widerlager untergebracht. Nach der Renovierung (1988-90) kommen neue Ausstattungsstücke des Künstlers Willi Dirx (1917-2002) hinzu: das große Holzkreuz mit Bronzekörper hinter dem Altar, der Kreuzwegzyklus in 14 Holzschnitten an den Wänden der Widerlager und ein Osterleuchter aus Bronze auf der Altarinsel. Die überlebensgroße Pietà des Künstlers Gottfried Kappen (1906-81) aus Polyesterharzmischung, die 1977 in der Kirche aufgestellt wird, findet sich heute in der Friedhofskapelle. Bei der Renovierung entsteht eine Art Marienkapelle: eine halbrunde Mauerschale, die im Winkel von Eingangswand und nördlicher Stützwand errichtet wird. Hier findet die Kopie einer Muttergottesikone ihren Platz. Als Pendant auf der anderen Seite wird ein vollrunder Beichtstuhl aufgestellt. Als weiterer, dem Zweck geschuldeter Einbau wird über dem Eingang eine Chorempore eingezogen.

  • Von der Idee zum Bau

    Der Pfarrkirche St. Suitbert ist 1960 eine Notkirche vorausgegangen, eigenhändig gebaut von den Katholiken des Essener Stadtteils Überruhr-Holthausen. Sie markiert den Anfang der am 21. Juli 1960 zunächst als Rektoratspfarrei errichteten Gemeinde St. Suitbert. Der bereits 1950 gegründete Kirchbauverein durchlebt Phasen der Unterstützung, Ablehnung und Gleichgültigkeit durch die Mutterpfarrei und das Erzbistum Köln. Erst nach dem Übergang in das neu gegründete Bistum Essen 1958 kann das Vorhaben umgesetzt werden. Der Kirchenvorstand fasst 1961 den Beschluss zum Bau der Kirche und beauftragt den Architekten Josef Lehmbrock aus Düsseldorf mit den Arbeiten. Für die Statik zeichnet der Berliner Tragwerksplaner Stefan Polónyi verantwortlich. Auf den ersten Spatenstich am 1. September 1963 folgt am 29. November 1964 die Grundsteinlegung und bereits am 2. April 1966 die Kirchweihe durch den ersten Essener Diözesanbischof Franz Hengsbach.

  • Der Architekt Josef Lehmbrock und der Statiker Stefan Polónyi

    Der Düsseldorfer Josef Lehmbrock (1918-99) kann nach einer Schreinerlehre nur sehr kurz Architektur an der Handwerkschule und der Kunstakademie Düsseldorf studieren. Als Autodidakt überzeugt er nach dem Zweiten Weltkrieg besonders mit Kirchenbauten wie St. Reinhold in Düsseldorf-Gerresheim (1954-57), Zum Hl. Kreuz in Düsseldorf-Rath (1956-58), St. Albertus Magnus in Leverkusen-Waldsiedlung (1958/59) und St. Suitbert in Essen-Überruhr (1963-65). Einfluss auf sein Schaffen haben Architekten wie Rudolf Schwarz, Dominikus Böhm und Emil Steffann. Darüber hinaus ist auch Le Corbusiers Wallfahrtskirche in Ronchamp (1950-55) für Lehmbrock als Vorbild zu benennen.

    Charakteristisch für Lehmbrock ist das Material Beton in seiner nüchtern-grauen Ansicht. Mit damals spektakulären Dachentwürfen schafft Lehmbrock zeichenhafte Baukörper: Starke, gegeneinander versetzte Wandelemente, geöffnet durch originelle Lichtbänder, lassen die Fassaden gleichzeitig massiv und aufgelockert wirken. Bewegte, flache Dachkonstruktionen erscheinen schützend und zugleich schwebend. Über seine Kirchenbauten hinaus kann Lehmbrock einige Einfamilienhäuser sowie in Ludwigshafen-Edigheim eine Wohnsiedlung errichten. Er engagiert sich als kritischer Publizist und Geschäftsführer des Düsseldorfer Architektenrings, den er mitbegründet, für einen menschenwürdigen Wohnungs- und Siedlungsbau.

    Elegante, gewagt gespannte Betonkonstruktionen wie St. Suitbert in Essen wurden durch die Arbeit des Statikers Stefan Polónyi möglich. Der 1930 in Ungarn geborene Bauingenieur kam Mitte der 1950er Jahre nach Deutschland und unterstützte mit seinem Büro neben zahlreichen Kirchenbauten auch modellhafte öffentliche Projekte wie die U-Bahnhaltestelle (Kuppelbau) “Lübecker Straße” in Hamburg (1961, mit Friedhelm Grundmann/Horst Sandtmann) oder die Galeria auf der Frankfurter Messe (1983, mit Oswald Mathias Ungers). Polónyi lehrte in Berlin und in Dortmund, er lebt heute in Köln. Die Universitäten von Budapest, Kassel und Berlin zeichneten ihn jeweils mit einem Ehrendoktor aus.

  • Literatur (Auswahl)
    • Heinz Dohmen: Kirche – Haus Gottes und der Gemeinde. Neue Kirchen im Bistum Essen 1965-1992, Annweiler/Essen 1992, hierin: 30-33.
    • Werner Friese: Die katholische Kirche St. Suitbert, Essen 2012 [Faltblatt].
    • Hans Körner/Jürgen Wiener (Hg.): Frömmigkeit und Moderne. Kirchenbau des 20. Jahrhunderts an Rhein und Ruhr, Essen 2008.
    • St. Suitbert Essen-Überruhr-Holthausen. 1960-1990, hg. vom Pfarrgemeinderat St. Suitbert Essen-Überruhr-Holthausen, Essen 1990.
    • Stefan Polónyi/Wolfgang Walochnik: Architektur und Tragwerk, Berlin 2003, 212-216.
    • Stephan Strauß: Joseph Lehmbrock. Kirchenbauten der Nachkriegsmoderne, in: Das Münster. Sonderheft. Erzbistum Köln 2013, 338-344.

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt.

Text: Elisabeth Maas M. A., Xanten (Beitrag online seit 02/2017)

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