Frankfurt am Main-Nordend

St. Michael

Anschrift Kirche
Gellertstraße 39
60389 Frankfurt am Main
  • Informationen
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    Anschrift Pfarramt Zentrum für Trauerseelsorge
    Butzbacher Straße 45
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    Kirchen in Deutschlands Mitte

Stopfgarn und eine Schluchtenwanderung

Fragen Sie ein Ehepaar, wie alles angefangen hat, bekommen Sie fast immer zwei Geschichten zu hören. Fragen Sie nach der Ursprungsidee für die Frankfurter Kirche St. Michael, gibt es ebenfalls zwei Varianten. Der Architekt Rudolf Schwarz selbst berief sich auf eine Wanderung durch die Aare-Schlucht: Eingezwängt zwischen dunklen hohen Felswänden, über sich nur ein schmaler Streifen Himmel, öffnete sich der Raum am Ende des Wegs. Die Architektin Maria Lang, Mitarbeiterin und seit 1951 Ehefrau von Rudolf Schwarz, hingegen erzählt gerne, wie er über einem Modell von St. Michael brütete. Wie sollte die Decke der Kirche aussehen? Schließlich nahm Maria spontan Nadel und Faden und verband die Wände mit einem weiten Kreuzstich. Zusammen ergeben beide Geschichten, wie es sich für ein gutes Ehepaar gehört, ein stimmiges Bild: Die hohen geschwungenen Wände von St. Michael werden von einer himmelblauen Decke mit sich kreuzenden goldenen Stegen überfangen.

  • Überblick
    Ort
    Frankfurt am Main-Nordend

    Bistum
    Bistum Limburg

    Name der Kirche
    St. Michael

    Weihe
    1954 (23./24. Oktober)

    Architekten
    Rudolf Schwarz, Maria Schwarz, Karl Wimmenauer

    Künstler
    Karl Knappe, Ewald Mataré, Georg Meistermann, Maria Schwarz
    Besonderheit
    Bestens vertraut mit den Kleeblattgrundrissen der rheinischen Romanik, schuf Rudolf Schwarz mit St. Michael nicht nur für Frankfurt eine außergewöhnliche geschwungene Sonderform. Auch über die Mainmetropole hinaus ist die Bedeutung von St. Michael als Schlüsselbau für die liturgisch erneuerte Kirchenmoderne kaum zu überschätzen.

    Nutzung
    Liturgie, Kultur, Trauerseelsorge

    Standort / Städtebau
    In Frankfurts Norden, in einem dichtbesiedelten Wohnviertel vermittelt der Solitär von St. Michael gekonnt zwischen den expressionistischen blockhaften Backsteinbauten und den nachkriegsmodernen zeilenförmigen Putzbauten.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Grundriss

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Grundriss

    Im Frankfurter Stadtteil Nordend gelegen, an der Nahtstelle zwischen zeilenförmiger und blockhafter Wohnbebauung eingebettet, bildet St. Michael eine geschwungene Sonderform aus. Das flachgedeckte Kirchenschiff erhebt sich auf einem kleeblattförmigen Grundriss: Das gerundete Schiff im Süden verzweigt sich nach Norden zu einem Altarraum mit drei Konchen.

     

     

    Außenbau

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Außenbau | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Nach außen zeigt der Bau regelmäßig getaktete Betonstreben, zwischen die backsteinsichtige Wände eingefügt sind. Nach Südwesten ist dem Schiff ein zylindrischer Campanile zur Seite gestellt, nach Nordosten begrenzt ein Riegel von (ehemaligen) Gemeinde- und Konventsbauten das Ensemble.

    Innenraum

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Blick zum Altar | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Blick zum Altar | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Von Süden erschließen zwei halbrund angefügte Eingänge die Kirche. Im Inneren wird der Raum nur durch ein umlaufendes Oberlicht aus Glasbausteinen erhellt, das die beiden Pole des Grundrisses ausspart: den Taufstein im Süden und die Altarinsel im Norden. Die weiß gefassten Wände mit den blau-grünlich abgesetzten Betonstreben werden durch eine blaue Decke mit goldenen, sich überkreuzenden Streben überfangen, die über dem Altar strahlenförmig zusammenlaufen. Über eine Treppe in der Ostkonche erreicht man die Unterkirche, deren Decke – und damit zugleich der Fußboden der Oberkirche – auf vier massiven Rundstützen ruht.

  • Liturgie und Raum
    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Nische mit Salböl | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Nische mit Salböl | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Schon in der Planungsphase, gut zehn Jahre vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65), wurde St. Michael auf eine reiche erneuerte Liturgie hin gestaltet. Im Schnittpunkt der vier Konchen freistehend, sollte der möglichst kleinformatige Altarkubus mit einem möglichst niedrigen Tabernakelaufsatz in alle vier Richtungen “bespielbar” sein. Glaubt man mündlichen Berichten, feierte man die Messe hier bereits vor 1965 auch versus populum.

    Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde der Tabernakel dem Altar auf einer Stele zur Seite gestellt. Dem Altar gegenüber hat man als zweiten liturgischen Brennpunkt den Taufstein verortet und eine verglaste Nische für die Salböle eingerichtet. Als man die nahe dem Hauptfriedhof liegende Kirche 2007 zum Zentrum für Trauerseelsorge umwandelte, wurde nicht nur die Taufstelle als Ort des beginnenden Lebens gestalterisch aufgewertet und um einen Osterleuchter ergänzt. Man markierte vor der Altarinsel zudem mit vier Leuchtern einen Ort des endenden Lebens, für das Totenbuch und beim Requiem für den Sarg. Somit stehen sich in St. Michael heute der Ort des Tauf- und der Ort des Totengedenkens zeichenhaft gegenüber.

  • Ausstattung
    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Antoniusfigur | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Frankfurt am Main-Nordend | St. Michael | Antoniusfigur | Foto: LfDH, Christine Krienke

    Im programmatisch bescheidenen Kirchenraum von St. Michael setzten rheinische Künstler zur Bauzeit einige gezielte Akzente. Die Antoniusfigur am Opferstock, den Turmhahn und die Türgriffe schuf der Bildhauer Ewald Mataré (* 1887 Burtscheid, + 1965 Büderich). Die liturgischen Brennpunkte betonte Karl Knappe (* 1884 Kempten/Allgäu, + 1970 München) durch hängende Mosaiktafeln: der drachentötende Michael über dem Altar und der Auferstandene über dem Taufstein. Die intime Unterkirche erhielt eine dreiteilige Glasgestaltung des Malers Georg Meistermann (* 1911 Solingen, + 1990 Köln), die Gottes Geistwirken zum Thema hat.

    Als die Pfarrkirche 2007 zum Zentrum für Trauerseelsorge umgewandelt wurde, stärkte Maria Schwarz, die einige Jahre zuvor bereits den neuen steinernen Ambo entworfen hatte, den zweiten liturgischen Pol: Sie ersetzte den bauzeitlichen Taufstein durch ein größeres Becken und ergänzte einen Osterleuchter. Das alte Mosaik zu Füßen des Taufsteins wurde in den Eingangsbereich des Trauerzentrums versetzt, das 2012 ein weiteres Kunstwerk erhielt. In die Kapelle integrierte man eine von Meistermann entworfene grautonige Glasgestaltung, die aus der 2005 abgerissenen Berliner Kirche St. Raphael (1965, Rudolf Schwarz, Maria Schwarz und Werner Michalik) geborgen worden war.

  • Von der Idee zum Bau

    St. Michael entstand als Programmkirche einer reformfreudigen Priestergemeinschaft, die sich hier 1956 als Oratorium des Heiligen Philipp Neri formierte. Schon 1938/39 besuchte der spätere Pfarrer von St. Michael, Alfons Kirchgässner, das Leipziger Oratorium. Deren historistische Liebfrauenkirche hatte Rudolf Schwarz 1934 für eine erneuerte Liturgie umgestaltet. Auch in Frankfurt wählte man ihn – nach einem Wettbewerb – zum Architekten des Neubaus.

    Mit St. Michael entwickelte Rudolf Schwarz, vor dem Hintergrund seiner 1938 publizierten “Idealgrundrisse”, erstmals eine gerundete Kreuzform, wie er sie mit St. Andreas in Essen (1957) und Maria Königin in Saarbrücken (1961) weiterentwickeln sollte. In Frankfurt waren an Planung und Umsetzung auch Maria Schwarz und Karl Wimmenauer beteiligt. Zunächst wurde bis 1954 nur das Kirchenschiff ohne Turm gebaut, erst 1962 ergänzte Wimmenauer den heutigen Campanile. Die Konventsbauten wurden mehrfach verändert und erweitert.

     

  • Die Architekten Rudolf Schwarz, Maria Schwarz und Karl Wimmenauer

    Der Architekt Rudolf Schwarz (* 1897 Straßburg, + 1961 Köln) machte – nach einem Architekturstudium in Berlin und einem Jahr Theologie in Bonn – in den frühen 1930er Jahren im Kirchenbau von sich Reden: Die 1930 eingeweihte, revolutionär schlichte Aachener Fronleichnamskirche stand ebenso wie seine 1938 erschienene theoretische Schrift “Vom Bau der Kirche” dem liturgisch bewegten Quickborn-Kreis nahe. Nach ersten kleineren Projekten in Frankfurt vor dem Krieg (Frauenfriedenkirche, nichtausgeführter Entwurf, 1927; St. Elisabeth, Umgestaltung mit J. Krahn, 1944), konnte Schwarz hier nach 1945 vor allem durch seine Mitarbeit beim Wiederaufbau der Paulskirche (1948) und den Neubau von St. Michael (1954) große Wirkung entfalten. Sein Schwerpunkt jedoch lag im Rheinland, wo er neben zahlreichen Kirchen z. B. auch den Wiederaufbau der Stadt Köln prägte. Schwarz war als Hochschullehrer in Offenbach und Aachen tätig, unterhielt Büros in Köln und Frankfurt am Main.

    Die Architektin Maria Schwarz, geborene Lang (* 1921 Aachen) wechselte – nach einem Studium in Aachen und erster praktischer Erfahrung in Aachen und Jülich – 1949 in das Kölner Team von Rudolf Schwarz. Als seine Mitarbeiterin, spätere Ehefrau bzw. Witwe wirkte sie an zahlreichen seiner Kirchenbauten mit: von der Planung und Umsetzung bis hin zur späteren Sanierung oder Umgestaltung. Maria Schwarz lehrt im Bereich „Sakralbau“ an der TU München.

    Der Architekt Karl Wimmenauer (* 1914 Mannheim, + 1997) arbeitete – nach seinem Studium in Darmstadt – im Büro von Rudolf Schwarz. Mit diesem wirkte Wimmenauer u. a. beim Wiederaufbau der Trierer Liebfrauenkirche (1950) mit. Großen Einfluss entfaltete er nach 1961 als (Hochschul-)Lehrer und Architekturtheoretiker, etwa am Marburger Kirchbauinstitut oder an der Düsseldorfer Kunstakademie. Im protestantischen Frankfurt bildete er eine wichtige Brücke zwischen dem katholischen und evangelischen Kirchenbau, so durch die nicht ausgeführten Entwürfe zur Weißfrauenkirche (1953) oder den schöpferischen Wiederaufbau der Epiphaniaskirche (1956).

  • Literatur (Auswahl)
    • Dieter Bartetzko: Sprung in die Moderne. Frankfurt am Main. Die Stadt der 50er Jahre (Die Zukunft des Städtischen. Frankfurter Beiträge 7), Frankfurt am Main/New York 1994.
    • Karin Berkemann: Nachkriegskirchen in Frankfurt am Main (1945-76), hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland; Kulturdenkmäler in Hessen), Stuttgart 2013 [zugl. Dissertation, Kirchliche Hochschule Neuendettelsau, 2012].
    • Kai Kappel/Joachim Metzner: St. Michael in Frankfurt am Main. Architekt: Rudolf Schwarz (Große Baudenkmäler 527), München/Berlin 1998.
    • Alfons Kirchgässner: Die St. Michaelskirche von Rudolf Schwarz in Frankfurt am Main, in: Das Münster 8, 1955, S. 249-252.
    • Rudolf Schwarz: Kirchenbau. Welt vor der Schwelle, Heidelberg 1960.
    • Walter Zahner: Rudolf Schwarz – Baumeister der Neuen Gemeinde. Ein Beitrag zum Gespräch zwischen Liturgietheologie und Architektur in der Liturgischen Bewegung (Münsteraner Theologische Abhandlungen 15), Altenberge 1992 [zugl. Dissertation, Universität Münster, 1991].

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt.

Text: Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald (Beitrag online seit 11/2015)

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