Karlsruhe

St. Johannes Baptista

Anschrift Kirche
Ellmendinger Straße 1
76227 Karlsruhe

Reine Geometrie

+++ Ausstellungshinweis: ZWÖLF KIRCHEN +++ Das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg präsentiert 12 Kirchen der Nachkriegsmoderne an den jeweiligen 12 Standorten: im März 2020 war die Ausstellung in Karlsruhe-Durlach zu sehen. In Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalschutz wurde die Ausstellungsreihe gestoppt. Derzeit ist geplant, die Ausstellungsreihe im Frühjahr 2021 fortzusetzen. +++

Es klingt merkwürdig: Eine grüne Wiese bildet – auf halber Strecke zwischen dem alten Ortskern und der Neubausiedlung – die Mitte des Durlacher Stadtteils Aue. Am Rand der Grünfläche erhebt sich, heute hinter Bäumen versteckt, die Pfarrkirche St. Johannes Baptista, wie ein Burg hoch aufragend. Kristallin aus Drei- und Sechsecken ist der Baukomplex entwickelt. Eine Anmutung wie Castel del Monte, das Schloss Kaiser Friedrichs II. in Apulien, das ganz aus dem Achteck konstruiert wurde. Unter den zahlreichen 1960er-Jahre-Kirchen Karlsruhes fällt der Betonbau von St. Johannes Baptista durch die strikt angewandte Geometrie auf.

  • Überblick
    Ort
    Karlsruhe

    Bistum
    Erzbistum Freiburg

    Name der Kirche
    St. Johannes Baptista

    Weihe
    1965 (9. Mai)

    Architekt
    Rainer Disse
    Besonderheit
    Für St. Johannes Baptista setzte der Architekt Rainer Disse 1965 die Form des Sechsecks konsequent um: vom Grundriss über die schlanken Betonstützen bis hin zu den Deckenfeldern.

    Nutzung
    Kirche in der römisch-katholischen Seelsorgeeinheit Karlsruhe Durlach Bergdörfer

    Standort / Städtebau
    Die Kirche erhebt sich freistehend auf einer weiten, baumbestandenen Wiese zwischen dem historischen Ortskern und einer Nachkriegssiedlung in Aue im Osten von Karlsruhe.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Grundriss

    Der Grundriss der Kirche St. Johannes Baptista beruht auf einem regelmäßigen Sechseck. Nordöstlich davon steht eine Campanilegruppe aus zwei Türmen je auf dreieckiger Grundfläche. Die Plattform der Kirche – ein Sechseck, das sich nach Westen noch einmal zu einer Freitreppe weitet – bildet ebenfalls ein regelmäßiges Muster aus dreieckigen Bodenplatten.

    Außenbau


    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Außenbau | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Die beiden Campanile mit ihren Betonmauern wirken wie ein massiv gestaltetes Turmpaar, in dessen Mauern nur enge Fenster wie Sehschlitze eingelassen sind. Der Baukörper der Kirche hingegen steht auf einem hohen Sockel, in dem sich das Untergeschoss mit Gemeindesaal und (früher) Kindergartenräumen befindet. Das hier eingebrachte Glasband hebt den darüber liegenden Kirchenraum empor. Dessen 9 Meter hohen Betonwände sind senkrecht mit lisenenartigen Bändern aufgelockert. Unter der Dachzone laufen zudem horizontal Lichtschlitze um.

    Innenraum


    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Innenraum | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Über die Freitreppe erreicht man die großen Portale, die den Besucher in einen weiten Raum einlassen. Hier wird das Sechseck der Umfassungsmauern von den Deckenfeldern fortgeführt: Das zentrale Sechseck ist von sechs weiteren Polygonen umgeben. Jedes besitzt eine schlanke Stütze, so dass – rechnet man die Stütze in der Raummitte hinzu – sieben “Pilze” in die Höhe streben. Diese tragen Betondachflächen, dazwischen lassen Oberlichter viel Helligkeit herein. Darunter bringt ein schmales, rot getöntes Glasband das Dach quasi zum Schweben. Portal und Altar liegen sich gegenüber, seitlich sind niedrige Raumeinheiten abgeteilt, kleinere “Pilze” stützen die Emporen.


  • Liturgie und Raum

    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Taufort | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Für den Architekten Rainer Disse spiegeln die pilzartigen Stützen die Natur: Sie sollen dem Frauenschuh ähneln, der auffälligsten Pflanze der umgebenden Wiesen. Dem derart gewachsenen, scheinbar ungeteilten Kirchenraum geben Einbauten eine Richtung: Zur Rechten teilt eine halbhohe Mauer zwei Räume ab, die als Sakristei für den Priester und als Raum für die Ministranten dienen. Symmetrisch gegenüberliegend hat Disse drei offene, heute allerdings geschlossene Beichtstühle eingerichtet. Allein durch die schräg gestellten Wandscheiben erhielten die Beichtenden viel Privatsphäre und genügend Luft zum Atmen, wie Disse formulierte. Zwei Emporen befinden sich an der Eingangswand bzw. am ersten Pfeiler links. Ursprünglich sollte der westliche Turm die Glocken und eine Taufkapelle aufnehmen, stattdessen wurden hier vier Jugendräume eingerichtet. Einen Taufstein, den die Gemeinde St. Johannes in Forbach im Murgtal nicht mehr benötigte, platzierte man an der zentralen Stütze des Kirchenraums. Damit wurde die Achse vom Hauptportal im Westen verlängert bis zum vierfach gestuften, von zwei Bankblöcken im Halbrund umfangenen Altarraum im Osten.

  • Ausstattung

    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Innenraum | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Praktisch die gesamte Baugestaltung wurde vom Architekten dem Prinzip des Sechsecks oder Dreiecks unterworfen. Eine Ausnahme bilden der freistehende, von Ambo und Tabernakelstele gerahmte Altarblock – und das achteckige Taufbecken. Die Altarwand wurde vom Bildhauer Josef Weber aus Berghausen, der auch die Relief-Oberflächen der Portalflügel gestaltete, mit wärmedämmenden Ytong-Steinen in eine dynamisch schwingende Fläche verwandelt. Die zum Kirchenraum weisende Sakristeiwand erhielt 1981/82 einen Wandteppich mit Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers, gefertigt von der Künstlerin Adelheid Dorwarth mit Frauen der Gemeinde. Zuletzt ergänzte man 1990 einen Kreuzweg des Holzschnitzers Wilhelm Müller.

  • Von der Idee zum Bau

    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Innenraum | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Über 900 Jahre ist inzwischen die Siedlung Aue alt, die sich 1921 mit Durlach zusammenschloss. Im Westen lag das Allmendland, das nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst wurde und das Lohn-Lissen-Viertel bildete. Die heute die Kirche umgebende Wiese ist der letzte Rest dieser einstigen Freifläche, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg erschlossen wurde für ca. 6.000 Menschen – unter ihnen ungefähr die Hälfte Katholiken. Dies machte den Bau einer katholischen Kirche notwendig. Bereits im Frühjahr 1961 übertrug man Disse den Auftrag, ohne dass kirchliche Stellen eine Vorstellung von seinen Plänen hatten. So konnte er seinem Bau eine geometrische Form, das Sechseck, zugrunde legen. Der Grundstein wurde am 3. Juni 1963 gelegt, am 9. Mai 1965 erfolgte die Weihe. Das Untergeschoss der Kirche enthielt ursprünglich einen Kindergarten und Gemeinderaum. Erst sieben Jahre später wurde der Kindergarten ebenfalls von Disse in wesentlich erweiterter Form südlich der Kirche angefügt.

  • Der Architekt Rainer Disse

    Karlsruhe | St. Johannes Baptista | Innenraum | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Rainer Disse wurde am 5. Mai 1928 in Gütersloh geboren. In Karlsruhe studierte er Architektur u. a. bei Egon Eiermann, von dem er viele Prinzipien wie pilzförmige Tragestrukturen oder wabenförmige Wandelemente übernahm. Für Disse waren der katholische und evangelische Kirchenbau seiner Zeit stilbildend, er orientierte sich an Rudolf Schwarz ebenso wie an Otto Bartning. Daneben prägten ihn die gotischen Kirchen in Frankreich oder besonders England. Er schloss 1952 sein Diplom bei Egon Eiermann ab, war fortan als freier Architekt in Karlsruhe tätig und unterhielt ein Zweigbüro in Hornberg im Schwarzwald. Rainer Disse verstarb am 5. Februar 2008 in Karlsruhe im Alter von 79 Jahren.

    In seinem Oeuvre nehmen die Kirchenbauten für die Erzdiözese Freiburg den größten Teil ein, neben Schulen, Kindergärten, Bauten für Kirchengemeinden und stadtplanerischen Arbeiten. Rohe Betonwände verband er gerne mit klaren geometrischen Formen: Dreiecken, Quadraten, Röhren. Wichtigste Beispiele seines Kirchenbaus sind St. Thomas in Grünwettersbach (heute Ortsteil von Karlsruhe, 1957), St. Johannes der Täufer in Hornberg im Schwarzwald (1966) und die Kirche Verklärung Christi auf dem Feldberg (1965). Letztere wurde als Pfarrkirche gebaut, aber durch die touristisch zunehmende Nutzung des Feldbergs weithin bekannt. Hier konnte Disse seine ausgreifenden Raumformen im Einklang mit der Natur wohl am konsequentesten umsetzen.

  • Literatur (Auswahl)
    • Meike Deck: Der Architekt und Kirchenbaumeister Rainer Disse (1928-2008). Reduktion und Konzentration im Zeitalter des Betonbrutalismus, Regensburg 2013 (zugl. Diss., Karlsruhe, 2011), hierin: 95-99.
    • Melanie Mertens: St. Johannes Baptista in Karlsruhe-Durlach. Der Strukturalist, in: Gotteszelt und Großskulptur. Kirchenbau der Nachkriegsmoderne in Baden-Württemberg (Ausstellungskatalog Zwölf). Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, Arbeitsheft 38, Ostfildern 2019, 180-185.
    • Hans Rolli: Kirchenbau im Erzbistum Freiburg nach dem 2. Weltkrieg, in: das münster 20, 1967, 413-492, hierin: S. 454-455.
    • Hugo Schnell: Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland, München/Zürich 1973.
    • St. Johannes Baptista, auf: Stadtwiki Karlsruhe (ka.stadtwiki.net/St._Johannes_Baptista, Abrufdatum: 29. September 2018).
    • Rainer Disse, auf: Südwestdeutsches Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) (saai.macbay.de/saai/bestaende_disse_rainer.html, Abrufdatum: 29. September 2018).
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.
Text: Prof. Dr. Jürgen Krüger, Karlsruhe

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