Karlsruhe

St. Judas Thaddäus

Anschrift Kirche
Bärenweg 40
76149 Karlsruhe

Innere Werte

Bescheiden nimmt sich St. Judas Thaddäus inmitten des Neubaugebiets von Karlsruhe-Neureut aus, neben den Ladenzeilen und der fast übermächtigen Badnerlandhalle. Die schmale, hochaufragende Kirche lässt eher an die bäuerliche, oberrheinische Architekturtradition (Tabaktrockenspeicher!) denken als an einen Sakralbau. Nur kleine Kreuze am First verraten den wahren Zweck. Hat man diesen aber erkannt, fragt man sich sogleich, wo die Würdeformeln geblieben sind: Wo ist das Kirchenportal, wo der Glockenturm? Und was hat die Kirche mit Judas Thaddäus zu tun, nicht gerade eine der bekanntesten biblischen Gestalten. Die Geschichte der Gemeinde und ihres Bauwerks werden einige Antworten geben.

  • Überblick
    Ort
    Karlsruhe

    Bistum
    Erzbistum Freiburg

    Name der Kirche
    St. Judas Thaddäus

    Weihe
    1989 (3. Dezember)

    Architekt
    Ottokar Uhl
    Besonderheit
    In klaren Formen, mit vielen Anklängen an die klösterliche Bautradition, schuf Ottokar Uhl in Karlsruhe-Neureut 1989 ein reifes Spätwerk, das auch einer seiner bekanntesten Bauten sein dürfte.

    Nutzung
    römisch-katholische Kirche in der Seelsorgeeinheit Karlsruhe-Hardt

    Standort / Städtebau
    Im Norden von Karlsruhe nimmt das Gemeindezentrum St. Judas Thaddäus die Südwestseite des Neureuter Platzes ein. Dieser hat durch seine günstige Lage, die Geschäfte und die Badnerlandhalle nach wie vor die Qualität eines Stadtteilzentrums.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Grundriss

    Das Ensemble von St. Judas Thaddäus erhebt sich auf einem längsrechteckigen, von Nordwesten nach Südosten verlaufenden Grundriss. Hier sind die Gebäudeteile wie um einen Kreuzgang organisiert. Vom Neureuter Platz her durchbricht ein Portal mittig die Nordostfassade: Im Vorräum öffnet sich rechts eine Tür zum Kirchenraum, nach links zum Kindergarten. In der Mitte, gegenüber dem Lichthof (“Kreuzgang”) liegt ein Gemeindesaal. Treppen führen ins Untergeschoss mit Gemeinderäumen und einem Versammlungssaal.

    Außenbau


    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Außenbau | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Alle Außenmauern bestehen aus hellen, weißen Betonsteinen, Türen und Fenster sind aus Holz und Glas gefertigt. Oberlichter lassen viel Licht in die Erdgeschossräume einfallen. Auch das hochaufragende, fensterlose Kirchenschiff besitzt ein großflächiges, gläsernes Satteldach, aus dem in der Mitte ein Aufbau herausragt: der Glockenstuhl. Das leuchtende Weiß der Mauern wird inzwischen großflächig von Grünpflanzen okkupiert, was vom Architekten auch vorgesehen war. Wände aus Glas machen den Bau transparent, der Blick fällt ungehindert vom Kindergarten oder Gemeindesaal in die Kirche. Die Anordnung der verschiedenen Raumgruppen macht die Höhenerstreckung verständlich: Die Kirche bildet den eigentlichen Akzent.

    Innenraum


    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Außenbau | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    In die Kirche gelangt man, indem man sich vom Foyer aus nach rechts wendet. Und nach Durchschreiten der nächsten Türe erschließt sich der quergerichtete Gottesdienstraum. Dieser ist bis zum Altarbereich in der Höhe dreifach gestaffelt: vom niedrigen, relativ dunklen Eingangsbereich hin zum hohen, luftigen und lichtdurchströmten letzten Drittel, dessen Dach ganz in Fenster aufgelöst ist. Im letzten Drittel sind zu beiden Seiten Emporen eingezogen. Im hohen Raumkasten, der das letzte Drittel des Kirchenraums ausmacht, streift das von oben einfallende Licht an der bildlosen, weiß geschlemmten Altarwand. Und an der Stelle, wo bei einem traditionellen Dachstuhl sich die Holzbalken- bzw. Kassettendecke befinden würde, sind Verschattungselemente installiert, um allzu grelles Licht zu dämpfen. Rechts des Altarbereichs führt lediglich eine Tür, die normalerweise mit einem Vorhang verdeckt ist, zu rückwärtigen Räumen: Sakristei, Beichtzimmer und Pfarrwohnung.


  • Liturgie und Raum

    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Innenraum | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    Dreh- und Angelpunkt des Kirchenraums ist die Altarinsel: in der Größe variabel und beweglich zugleich. Altar, Ambo, Kruzifix und Sedilien, sämtlich aus Holz gefertigt, stehen auf maximal 16 flachen Holzpodesten. Die Sitzreihen der Gottesdienstbesucher bestehen aus bis zu 350 Einzelsitzen, die normalerweise in U-Form um die Altarinsel herum aufgestellt sind. Das System aus Altar und Bestuhlung ist auf “Atmen” angelegt: Der gesamte dreigestufte Kirchenraum mit Emporen kann für große Gottesdienste genutzt werden. Durch einfaches Umgruppieren lässt sich die Altarinsel jedoch für einen kleinen Gottesdienst oder eine Andacht in einem der Teilräume herrichten.

  • Ausstattung

    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Ewiges Licht | Foto: Jürgen Krüger, Karlsruhe

    In der Kirche werden drei Sonderräume, sog. Kapellen, auch durch ihre besondere Ausstattung ausgezeichnet. Zwei Räume zeigen gerundete Wände aus Glasbausteinen: Die erste Kapelle findet sich unter der linken Empore nahe der Altarinsel. Sie beherbergt das Ewige Licht, in die gläserne Wand ist der kugelförmige Tabernakel des Goldschmieds Gerhard Eiblmeier aus Lenggries eingebunden. Die Hostien können sowohl vom Hauptraum als auch von der “Kapelle” aus entnommen werden. Ein ähnlicher zweiter Raum befindet sich nahe dem Gemeindesaal. Hier steht eine hölzerne Marienfigur, die ebenso wie die Skulptur des Hl. Judas Thaddäus in der Taufkapelle eigentlich für die frühere Notkirche gefertigt und dann in den Neubau übernommen wurde. Der dritte Sonderraum, die Kapelle mit dem Taufort, ist apsisförmig nahe dem Eingang in die Außenmauer der Kirche einbezogen. Die Orgel rechts der Altarinsel stammt aus der Werkstatt Matz + Luge aus Rheinmünster-Stollhofen.

  • Von der Idee zum Bau

    Karlsruhe | St. Judas Thaddäus | Außenbau | Foto: Michael Kauffmann, Karlsruhe, CC BY SA 3.0

    Die Geschichte des heutigen Karlsruher Stadtteils Neureut reicht weit zurück, war aber lange durch die Reformation und später durch die Ansiedlung von Hugenotten geprägt. Erst 1929 errichtete man für die wenigen ansässigen Katholiken einen Gottesdienstraum in der alten Schule von Teutsch-Neureut. Der Raum wurde als St. Judas-Thaddäus-Kapelle bezeichnet, weil der Apostel als Helfer in besonders schweren Nöten gilt, hier wohl in der extremen Diasporasituation. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden vorwiegend katholische Heimatvertriebene in Neureut angesiedelt, so dass ab 1949 im ehemaligen Gasthaus Lamm ein größerer Gottesdienstraum als Notkirche diente. Nach dem Erwerb des Bauplatzes im “Neuen Zentrum Neureut” begann der Planungsprozess zum heutigen Gemeindezentrum, dessen Grundstein am 28. Oktober 1988 gelegt und dessen Weihe am 3. Dezember 1989 gefeiert wurde. Ottokar Uhl gab keinen fertigen Entwurf vor, sondern verstand seine Rolle als die eines Mediators, als „dienende Beteiligung des Architekten“, der mit den gemeindlichen Gruppen zusammenwirkt.

  • Der Architekt Ottokar Uhl

    Wien | Edith-Stein-Kapelle | Foto: Braveheart, CC BY SA 4.0

    Der Architekt und Hochschullehrer Ottokar Uhl wurde am 2. März 1931 in Wolfsberg in Kärnten geboren und verstarb am 3. November 2011 in Wien. Er hatte seine Architektenausbildung an der TH Wien begonnen und an der dortigen Akademie der bildenden Künste fortgesetzt. Neben seiner Tätigkeit als Architekt hatte er 1965 einen Lehrauftrag an der Akademie der Künste in Wien, bei dem er sich besonders mit dem Kirchenbau beschäftigte. Es folgte 1973 die Berufung nach Karlsruhe an die damalige Universität Karlsruhe Fridericiana (heute KIT), wo er bis 1994 blieb.

    Währen der Salzburger Sommerakademie 1957 begegneten sich Uhl und Konrad Wachsmann, ein Vordenker der modernen industriellen Vorfertigung von Architekturteilen. Schon 1958 interessierte sich Uhl auch für die Zusammenhänge von Kirchenbau und Liturgie. Sein erstes Projekt war die Studentenkapelle in der Ebendorferstraße in Wien. Er wollte liturgisch offene Handlungsräume, klare Grundformen und Lichtführungskonzepte gestalten. In Wien entstanden weitere Uhl-Kirchen: 1964 die Demontable Kirche in der Siemensstraße und 1967 die Montagekirche in der Kundratstraße. Doch einer seiner bekanntesten Bauten wurde wohl die 1989 geweihte Kirche St. Judas Thaddäus in Karlsruhe.

  • Literatur (Auswahl)
    • Meinrad Franz/Walter Zahner: Katholisches Gemeindezentrum St. Judas Thaddäus Karlsruhe-Neureut, Lindenberg 1998.
    • Thomas Maymann: Architektonische Planung. Partizipation und Reduktion. Ottokar Uhl und der Kirchbau St. Judas Thaddäus in Karlsruhe, in: Nadine Baumann/Martin Stuflesser (Hg.): Das Geheimnis lasst uns künden. Liturgie zwischen Wissenschaft und pastoraler Wirklichkeit, Münster 2005, 197-209.
    • Ulrich Pantle: Choreografierender Kirchenraum. St. Judas Thaddäus in Karlsruhe-Neureut, in: Ute Frank u. a. (Hg.): Hiatus. Architekturen für die gebrauchte Stadt, Basel 2017, 173-178.
    • Bernd Selbmann: Perspektiven für Partizipatorisches Bauen. Versuche der Annäherung an Ottokar Uhl, in: Conrad Lienhardt (Hg.): Ottokar Uhl. Werk, Theorie, Perspektiven (Kunstreferat der Diözese Linz. Reihe Kirchenbau 3), Regensburg 2000, 9-40.
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.
Text: Prof. Dr. Jürgen Krüger, Karlsruhe

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