Kassel-Bad Wilhelmshöhe

Maria Königin des Friedens (Fatimakirche)

Anschrift Kirche
Memelweg 19
34131 Kassel
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche 0561 37014
    Zur Webseite
    Bitte im Pfarrbüro (Kontaktstelle) nachfragen! Telefon 0561 37014
    Anschrift Pfarramt Katholische Pfarrgemeinde St. Maria, Filialkirche Maria Königin des Friedens
    Kirchweg 71
    34119 Kassel
    0561 15013
    E-Mail
    Zur Webseite
    Öffnungszeiten Pfarramt DI: 13.00 - 14.00 Uhr
    DO: 9.00 Uhr - 14.00 Uhr
    Gottesdienstzeiten Kirche

    SO: 9.30 Uhr
    DO: 9.00 Uhr


    Kirchen in Deutschlands Mitte

Trümmerschutt und klare Linien

Monolithisch, gewaltig – so präsentiert sich Maria Königin des Friedens, besser als Fatima-Kirche bekannt: mit kubischen Formen aus Sichtbeton und Glas, die mit imposanter Freitreppe und bleistiftschlankem Campanile eine markante städtebauliche Dominante bilden. Eine triste Betonkiste? Langweilig? Von wegen! Die Böhm’sche Kirche besticht durch eine klare und einfache Linienführung und die lebendige Farbigkeit roten Trümmerschuttbetons. Der Innenraum, durch riesige, bunte Fassadenfenster in geradezu mystisches Licht gesetzt, beeindruckt mit einer spektakulären Rahmenkonstruktion. Keine Frage, Fatima polarisiert – und beeindruckt mit einer Synthese von Rationalität und emotionalen Werten, die man einfach selbst erleben muss!

  • Überblick
    Ort
    Kassel-Bad Wilhelmshöhe

    Bistum
    Bistum Fulda

    Name der Kirche
    Maria Königin des Friedens (Fatimakirche)

    Weihe
    1959

    Architekt
    Gottfried Böhm
    Besonderheit
    klare und einfache Linienführung unter Verwendung von gemahlenem Trümmerschutt im Beton

    Nutzung
    Pfarrkirche innerhalb des Pastoralverbundes St. Maria-Kassel West

    Standort / Städtebau
    Die Kirche Maria Königin des Friedens (Fatimakirche) steht auf einem Eckgrundstück zum Memelweg. Der kubische Baukomplex mit filigranem Campanile befindet sich in exponierter Lage und bildet eine markante, städtebauliche Dominante im Stadtteil Bad Wilhelmshöhe.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Der Grundriss zeigt eine schlichte, stützenlose Halle mit zwei auskragenden Konchen an den Längsseiten. Vier Wandscheiben tragen die Dachkonstruktion und zonieren den Raum. Im Süden ist ein Anbau mit Sakristei und Gemeinderäumen, im Norden die Werktagskapelle (Gnadenkapelle) mit anschließendem Turm angeordnet. Die Unterkirche (Taufkapelle) ist durch eine runde Deckenöffnung über dem Taufstein mit dem Kirchenraum verbunden und bietet Zugang zu weiteren Gemeinderäumen. Das zweistöckige Pfarrhaus befindet sich auf demselben Grundstück. Weitere Anbauten mit Jugendräumen und Kindergarten waren geplant, wurden jedoch nicht realisiert.


    Außenbau


    Kassel | DLI

    Das Äußere der Fatima-Kirche ist geprägt von hohen Seitenwänden aus gestocktem Trümmersplittbeton. Sie sind der gestalterische Schlüssel zum äußeren Erscheinungsbild und ein Kunstgriff des Architekten, der auf diese Weise Kirchenbau und Stadtgeschichte verbindet. Die riesigen, glasgerahmten Betonkulissen der Schmalseiten, an der Ostfassade über Freitreppe und ein dreiteiliges Portal zugänglich, spiegeln die Rahmenkonstruktion im Inneren der Kirche und verleihen ihr einen sakralen, ja fast schreinartigen Charakter, der von einem filigranen „Fingerzeig Gottes“ (Glockenturm) betont wird.

    Bemerkenswert ist auch die städtebauliche Situation: Am oberen Teil des zur Stadt abfallenden Freigeländes errichtet, wird das vom Architekten intendierte Motiv des Weges bereits im Außengelände umgesetzt. Straßenachse, Freitreppe und das Portal führen in den Kirchenraum, wo sich der Weg bis zum Altar fortsetzt.


    Innenraum


    Kassel | DLI

    Das Innere ist geprägt von hohen Wandfluchten und einer gewaltigen, zeltförmigen Konstruktion, welche, mittig zwischen Eingang und Altarwand verlaufend, das Dach trägt. Eingangsbereich mit Orgelempore, Taufkapelle, Laienraum und Chor mit Altarinsel aus schneeweißem Marmor sind durch markante Vertikalen voneinander getrennt und machen das Motiv des Weges räumlich-sinnlich erfahrbar. Zart verglaste Fensterflächen an den Schmalseiten betonen diese Erfahrung. Die Längswände sind mit auskragenden Beichtkapellen (Konchen) versehen und einer Reihe kleiner Fensternischen durchbrochen, die Nordseite öffnet sich zusätzlich mit quadratischen Fenstergittern zur Werktagskapelle.


  • Liturgie und Raum

    Ein derart streng axial entwickelter Kirchenraum hat Seltenheitswert im Werk von Gottfried Böhm. „Alles ordnet sich dem Gedanken des Weges unter“, so der Architekt. Sogar die städtebauliche Situation ist in den Pilgergang zum Altar mit einbezogen. Im Kirchenraum selbst findet, unterstrichen durch unterschiedliche Raumzonen, eine Steigerung des Profanen zum Heiligen statt, beginnend mit der zum Kirchenraum geöffneten Taufkapelle im Untergeschoss, endend mit dem Tabernakel vor der Altarwand. Zwei lange Bankblöcke betonen den orientierten Charakter der Wegekirche.

  • Ausstattung

    Kassel | DLI

    Altarinsel und Tischaltar aus schneeweißem Marmor kontrastieren den Sichtbeton und bilden den Höhepunkt des Kirchenraumes.

    Der Tabernakel – der Entwurf stammt von Gottfried Böhm selbst – nimmt durch seine Materialien Ebenholz, Rosenholzintarsien und Rosenquarz Bezug auf das Marienpatronat.

    Kassel | DLI

    Im Chor hängt eine überlebensgroße, farbig gefasste Maria mit Kind, die der Bildhauer Leopold Hafner (geb. 1930) aus Vornbach 1966 aus einem 2000 Jahre alten Eichenstamm schnitzte.

    Auch die Fassadenfenster wurden von Gottfried Böhm selbst entworfen und zeigen Motive der Lauretanischen Litanei (Ostfassade) und eucharistische Symbole (Westfassade). Die kleinen Glasfenster der Längswände zeigen die sieben Freuden (Südwand) und Leiden Mariens (Nordwand). Die Entwürfe stammen ebenfalls von Böhm.

    Die Orgel stammt aus der benachbarten evangelischen Christuskirche und wurde 1960 von der Kasseler Orgelbaufirma Bosch um- und eingebaut.

    Kassel | DLI

    Das goldene Marienbild in der Werktagskapelle (Albert Helm, 1947) hing bis zum Bau der heutigen Kirche in der ehem. Fatima-Kapelle in der Wigandstraße. Ebenfalls aus dieser Kapelle stammt das Glasfenster mit Fatima-Madonna (Helm, 1947), das sich heute in der Taufkapelle der Fatima-Kirche befindet.

    Bemerkenswert ist auch der Taufstein des Kölner Bildhauers Elmar Hillebrand (geb. 1925) aus dem Jahr 1965, dessen Bronzedeckel den Durchzug durch das Rote Meer, die Anbetung der Könige und die Kreuzigung zeigt.

    Kassel | DLI

    Der expressive Wetterhahn auf der Turmspitze (Heinrich Cornelius, 1959) erstrahlt hingegen seit dem Jubiläumsjahr 2009 in neuem Goldglanz.

  • Von der Idee zum Bau

    Nachdem die Kasseler Innenstadt im Krieg stark zerstört und die Zahl der Katholiken in Wilhelmshöhe durch Ausgebombte und Heimatvertriebene rasant gestiegen war, entschloss sich die Mutterpfarrei St. Marien 1945 zur Gründung einer Lokalkaplanei. Zuerst war die junge Gemeinde in der evangelischen Christuskirche zu Gast, bis 1947 wurde in Haus Roseneck in der Wigandstraße die Fatima-Kapelle eingerichtet wurde. Bald wurde die Kapelle zu klein, so dass Mitte der 1950er Jahre ein Grundstück für ein neues Gotteshaus nach Plänen des Kölner Architekten Gottfried Böhm erworben wurde. Mitten im damals noch nahezu unbebauten „Flüsse-Viertel“ entstand ein für Kassel völlig neuartiger Kirchenbau, der nach zweijähriger Bauzeit am 14. Juni 1959 durch Bischof Adolf Bolte geweiht wurde.

    Als Meisterleistung galt auch die Finanzierung der Kirche. Einen großen Teil der Baukosten von 1 246 000 DM trug die Gemeinde, dazu kamen großzügige Zuschüsse vom Bonifatiuswerk Paderborn, der Diözese Fulda und von der Bundeswehr, da die Fatima-Kirche als Garnisonskirche genutzt wurde.

  • Der Architekt Gottfried Böhm

    Gottfried Böhm | DLI

    Gottfried Böhm wurde 1920 in Offenbach/Main geboren. Er studierte 1942-1947 Architektur an der TH und Kunstakademie München, danach trat er in das Architekturbüro seines Vaters Dominikus Böhm in Köln ein, das er 1955 nach dessen Tod übernahm. Gleichzeitig war er Mitarbeiter der Wiederaufbaugesellschaft der Stadt Köln unter der Leitung von Rudolf Schwarz und hatte von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1985 den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre an der RWTH Aachen inne. Gottfried Böhm, bislang einziger deutsche Pritzker-Architektur-Preisträger (Auszeichnung 1986); erfuhr 2006 mit der Retrospektive „Felsen aus Beton und Glas“ des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main eine besondere Würdigung seines Lebenswerks.

    Jüngst wurde sogar seine Ursula-Kirche in Hürth-Kalscheuren (1954-1957, 2006 profaniert) ihm zu Ehren in „Böhm Chapel“ umbenannt. Das Architekturbüro Böhm wird heute bis auf ausgewählte Projekte weitgehend von den Söhnen Stephan, Peter und Paul Böhm geführt.

    Gottfried Böhm wurde vor allem durch seine skulpturalen Bauten aus Beton, Stahl und Glas bekannt, die zu den „Architektur-Ikonen“ des 20. Jahrhunderts zählen.

  • Literatur (Auswahl)

    • Johanna Anders: Neue Kirchen in der Diaspora. Eine Studie zu den Kirchenneubauten nach 1945 im nordhessischen Teil des Bistums Fulda, Kassel 2014 (zugl. Kassel, Univ., Diss. 2012), 98-100.
    • Berthold Hinz/Andreas Tacke (Hrsg.): Architekturführer Kassel, Berlin 2002, 86.
    • Institut für Steinkonservierung e.V. [IFS] (Hrsg.): Substanzschonende Betoninstandsetzung denkmalgeschützter Bauwerke, IFS Bericht 30/2008, Mainz 2008.
    • Kath. Kirchengemeinde Maria Königin des Friedens (Hrsg.): 50 Jahre Fatima-Kirche. Maria Königin des Friedens 1959-2009, Kassel 2009.
    • Katholischer Kirchengemeindeverband Kassel (Hrsg.): Katholisch in Kassel – Ansichten und Einblicke, Kassel 2006, 22-25.
    • Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Kulturdenkmäler in Hessen/ Stadt Kassel III, 2008, 351-353.

Text: Dr. Johanna Anders, Kassel