Körner

Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda

Anschrift Kirche
Amtshof 3
99998 Körner

Kein “Jahrmarkt der Eitelkeiten”

Schade, dass dieser weite Bau nicht an einer Autobahn, einem großen Bahnhof oder etwa in der Hamburger HafenCity errichtet wurde – mag vielleicht mancher denken, der ihn in der Einsamkeit des ländlichen Raums im nordwestlichen Thüringen besucht. Doch genau dafür wurde er (auch) gebaut: Der einst vielbeachtete, publikumsumlagerte, preisgekrönte Christus-Pavillon der EXPO 2000 in Hannover ist nach dem Ende der Weltausstellung in die Abgeschiedenheit eines einstigen Zisterzienserklosters umgezogen, das seit der „Wende“ von einer ökumenisch ausgerichteten Kommunität zu neuem Leben erweckt wurde. Hier ergänzt er über die Zeiten verlorene Bauteile der früheren Klosteranlage – so etwa die Kirche, den Kreuzgang, …

  • Überblick
    Ort
    Körner

    Landeskirche
    Evangelische Kirche in Mitteldeutschland


    Name der Kirche
    Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda

    Einweihung
    2000 (1. Juni, auf der EXPO), 2001 (18. August, in Volkenroda)

    Architekten
    Meinhard von Gerkan, Joachim Zais
    Besonderheit
    Der Christus-Pavillon beeindruckt in seiner Schlichtheit und Offenheit, der Reduktion auf wenige Materialien sowie seiner einfachen Umsetzbarkeit. Das für die Fassade ausgewählte "Steinglas" wurde hier erstmals angewendet.

    Nutzung
    Gottesdienstliche und kulturelle Veranstaltungen im Sommer-Halbjahr unter der Obhut und in Betreiberschaft der Jesus-Bruderschaft Kloster Volkenroda

    Standort / Städtebau
    In Volkenroda fügte man den Christus-Pavillon in das einstige Zisterzienserkloster ein, dessen Anlage seit den 1990er Jahren neu belebt wurde. Der Neubau steht in Nord-Süd-Ausrichtung jenseits einer freien Fläche, die das verlorene Kirchenschiff und den Kreuzgang markiert. Ein quadratisches Wasserbecken zeigt den früheren Innenhof an.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Körner | Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda | Grundriss

    Der Grundriss des Christus-Pavillons wurde einer klösterlichen Anlage nachempfunden. Anders als ein historisches Kloster zeigt er einen den Gesamtkomplex in einem großen Rechteck umschließenden Kreuzgang. Der innere Bereich enthält einen Veranstaltungs- und Erschließungshof sowie den gut 24 x 24 Meter messenden “Christusraum”, den dreiseitig – je quadratisch – zwei Nebenräume und neun vom Kreuzgang her offene Ausstellungskabinette umgeben. Auf der EXPO waren dem noch Gebäudeteile zur städtebaulichen Einbindung und für den dortigen Betrieb beigefügt: die Eingangszone mit stählerner Kolonnade, Wasserbecken und Brücke, der Kreuzturm in Stahl und Glas sowie ein Untergeschoss mit Nebenräumen und der frei in Beton geformten Krypta. In den Hauptteilen 2001 nach Volkenroda überführt, schließt er dort von Süden her an eine Freifläche an. Diese markiert den verlorenen Kreuzgang und das einstige Langhaus der historischen Klosterkirche, von der nur Chor und Querschiff erhalten sind.

    Außenbau


    Körner | Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda | Außenbau | Foto: Mailee, GFDL oder CC BY SA 3.0

    Im Aufbau präsentiert sich der Pavillon zunächst als dunkle Stahlkonstruktion, der ein klarer geometrischer Raster zugrunde liegt: Grundeinheit für den Gesamtbau ist ein Quadrat der Kantenlänge 3,40 x 3,40 Meter. Den umlaufenden Kreuzgang, als Wandelhalle und Ausstellungsort angelegt, entwickelte man mit 3,40 Meter Breite und gut 6,80 Meter Höhe als Pfosten-Riegel-System nach dem Baukastenprinzip. Fassaden und Dach sind als vorgefertigte Elemente mit innovativer Stecktechnik erstellt. In die Fassaden-Gefache setzte man quadratische Glaselemente ein, die großteils einer Vitrine ähnlich ausgebildet und mit Materialien verschiedenster Herkunft, das EXPO-Motto “Mensch – Natur – Technik” aufnehmend, befüllt wurden. Je von der Füllung abhängig erscheinen die Wände mehr oder minder transluzent, auch transparent. So entfaltet sich entlang des Kreuzgangs, der sich teils bei jedem zweiten Fassadenfeld zum Innenhof öffnet, eine abwechslungsvolle Lichtstimmung. Im Innenbereich erhebt sich, 17 Meter hoch, der kubisch entwickelte Christusraum. Er präsentiert sich als großflächig, aber nicht transparent verglaster Stahlbau. Zwischen ihm und dem Kreuzgang sind – in Stahlblech erstellt – neun würfelförmige Ausstellungskabinette und zwei Nebenräume eingebracht.

    Innenraum


    Körner | Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda | Christusraum | Foto: Kloster Volkenroda

    Den Christusraum, das Herzstück der Anlage, betritt man vom Innenhof über drei große Portale in der Nordfassade. Deren Türen und geschlossene Felder wurden aus Edelstahl, die Rahmung als Stahlkastenkonstruktion gefertigt. Im Inneren sind Decke bzw. Dach von neun schlanken Stahlstützen auf jeweils kreuzförmigem Grundriss getragen, deren Köpfe freigestellt wurden, so dass Oberlichter aus je vier, teils grau bedruckten Glasscheiben zur Raumbelichtung beitragen können. Dach bzw. Decke bestehen aus dunkel gehaltenen, großformatigen Trapezblech-Elementen. Mit ihrem tiefen Aufbau bilden sie einen deutlichen Kontrast zur licht und luftig wirkenden Außenhülle, die sich raumseitig, von konstruktiven Elementen frei, glatt und nur durch einen regelmäßigen Raster sowie Fügungspunkte strukturiert darstellt. Sie besteht aus einer zweischichtigen Haut – mit einer außen liegenden Glasplatte, die innen mit Naxos-Marmor beklebt wurde. Die Tragkonstruktion legte man nach außen, damit ist die Ordnungsstruktur dort deutlich, innen nur als feiner Schattenriss erkennbar. Nicht zuletzt unterschiedliche Dichten im Natursteingefüge des nahezu weißen Mamors erzeugen die transluzente Lichtstimmung. Den Boden legte man in grauem, geschliffenen und gewachsten Magnesit-Estrich an.


  • Liturgie und Raum

    Körner | Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda | Umgang | Foto: Kloster Volkenroda

    Der nur zur Nutzung über den Sommer entwickelte Christusraum wurde für einen vielgestaltigen Gebrauch bei der EXPO wie nachfolgend in Volkenroda eingerichtet. So soll(te) er die Aufgaben einer Kirche am Weg erfüllen – zur Einkehr und individuellen Andacht wie für Gemeinschaft, Begegnung und Kommunikation, Gebetszeiten, kleine und größere Gottesdienste, geistliche und kulturelle Veranstaltungen. Hierfür legte man ihn gewissermaßen zweischiffig an: Im rechten Raumteil finden sich, längs gen Süden gerichtet, auf einem niedrigen Podium Kreuz, Altar, Lesepult und ein Leuchter. Die linke Raumhälfte blieb dagegen bewusst frei und leer, die Bestuhlung wurde beweglich gestaltet. Auf der EXPO wurde dieses Raumangebot durch die unterirdische Krypta (Raum der Stille) ergänzt, die besondere Anziehungskraft entfaltete. In Volkenroda übernimmt der Christus-Pavillon die Funktion des nicht erhaltenen Langhauses der Klosterkirche. Zusammen mit ihrem sanierten historischen Chorbereich wird der Pavillon heute vielfältig genutzt für geistliche und kulturelle Veranstaltungen, ökumenische Begegnungen sowie zur persönlichen Einkehr und Besinnung. Hierzu gehören etwa feste Gebets- und Gottesdienstzeiten, besondere Gottesdienste, Konzerte und geistliche Musiken, Kino und Liederabende, aber auch Großveranstaltungen in Kunst und Kultur, Tagungen, Ausstellungen und Feste sowie Einkehrtage, Exerzitien und Pilgerangebote.

  • Ausstattung

    Körner | Christus-Pavillon im Kloster Volkenroda | Glasgestaltung | Foto: Min Son, GFDL oder CC BY SA 3.0

    Die Ausstattung wurde, der offenen Anlage und Nutzung wie Idee des Christus-Pavillons entsprechend, sehr bescheiden und zurückhaltend entwickelt. Auf der EXPO fanden sich im Christusraum – auf einem flachen Podest – wesentlich ein von Quadraten gebildetes gläsernes Kreuz sowie ein schlichter, tischartiger Altar und ein gleichsam schlichtes Pult, beide aus Holz. Hinzu traten vier niedrige, in Holz gefertigte Sitzreihen. Im Kreuzgang füllte man die zweischalig verglasten Gefache, bezogen auf das EXPO-Thema “Mensch – Natur – Technik”, mit unterschiedlichen Materialien: von Kohle über Binsen und Holzscheiben bis zu Mohnkapseln und Federn, von Zahnrädern und Teesieben bis zu Einwegspritzen und Zahnbürsten. Den Boden legte man in Eichenholzbohlen an.

    Nach Volkenroda wurde das farbig-abstrahierende Marienfenster der Künstlerin Hella Santarossa übernommen. Der Taufstein und der Torso eines Kruzifixus hingegen, beides Kunstwerke der Romanik und Leihgaben aus Museen, waren nur in Hannover zu sehen. Die zwischen Kreuzgang und Christusraum eingestellten Ausstellungskabinette nahmen bei der EXPO das Thema “Religion im Leben” auf. Dabei enthielt ein Bereich Kabinette je zu den Themen Musik, Licht und Farbe, ein zweiter umfasste Raumzonen zu Kunst, Wort und Architektur, und ein dritter stellte Mahl, Diakonie und Caritas sowie Gemeinschaft dar. In Volkenroda wurde die Ausstattung des Christus-Pavillons dahingehend verändert, dass die Ausstellungskammern von Andreas Felger in farbintensiver Flächenmalerei neu gestaltet wurden, und er dann auch ein großes Holzkreuz für den Christusraum schuf.

  • Von der Idee zum Bau

    Körner | Kloster Volkenroda | Anlage um 1900 | Foto: Gerhard Hund, aus dem Nachlass von Erika Meyer, GFDL oder CC BY SA 3.0

    Unweit Mühlhausen entstand ab 1131 eine zisterziensische Klosteranlage, deren romanische Kirche bald die Mitte eines der reichsten Klöster Thüringens bildete. Im Bauernkrieg verwüstet, wurde es nach 1540 aufgelöst und in eine herzogliche Domäne bzw. zur evangelischen Pfarrkirche umgewandelt. Immer mehr kam das Anwesen in Verfall, so dass die seit der Reformation mehrfach veränderte, verkleinerte Kirche 1968 wegen Baufälligkeit geschlossen wurde. Auch das aus dem Kloster hervorgegangene Dorf zeigte einen zunehmend schlechteren Zustand. Nach der “Wende” begannen jedoch Sicherungsmaßnahmen, die man für die Kirche 1994 abschließen konnte. Ein Förderverein entstand, und die ökumenisch gesinnte Jesus-Bruderschaft e. V. Gnadenthal belebte das Kloster in zisterziensischer Tradition geistlich neu: für Bildungsarbeit in Jugend und Umwelt, als Arbeits- und Ausbildungsort, mit ökologischer Landwirtschaft. Rund um das 180-Einwohner-Dorf Volkenroda entstanden danach Arbeitsplätze, der Ort wurde saniert.

    1996 richtete die Bruderschaft eine Anfrage an das evangelische, einst als Volkenrodaer Tochtergründung entstandene Kloster Loccum, sie bei der Suche nach Sponsoren für den Wiederaufbau zu unterstützen. Dies traf in die Diskussion um den Beitrag der Kirchen zur EXPO 2000. Daraus entstand der Plan, für diese einen christlichen Pavillon zu schaffen, der anschließend dauerhaft in Volkenroda genutzt werden sollte. Den begrenzten Wettbewerb dazu gewannen Meinhard von Gerkan und Joachim Zais. Sie erklärten zur Leitidee für das Gemeinschaftsprojekt der Evangelischen und Katholischen Kirche auf der EXPO: “Der Pavillon soll ein kontemplatives Gegenstück zum Jahrmarkt der Eitelkeiten mit seinen architektonischen Aufgeregtheiten sein”.

  • Die Architekten Meinhard von Gerkan und Joachim Zais

    Körner | Kloster Volkenroda | Portal | Foto: Gerd A. T. Müller, GFDL oder CC BY SA 3.0

    Prof. Dr. h.c. mult. Dipl.-Ing. Meinhard von Gerkan wurde 1935 in Riga geboren. Nach Diplom an der TU Braunschweig seit 1965 mit Volkwin Marg (gmp, Architekten von Gerkan, Marg und Partner) als freiberuflicher Architekt in Hamburg tätig, war er von 1974 bis 2002 auch ordentlicher Professor an der TU Braunschweig. Lang ist die Liste weiterer Tätigkeiten (wie etwa Gastprofessuren im Ausland), verschiedener Berufungen sowie zahlloser Preise und Auszeichnungen. Für den Christus-Pavillon wurde ihm u. a. 2002 die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Evangelische Theologie an der Philipps-Universität Marburg verliehen.

    Dipl.-Ing. Joachim Zais wurde 1951 in Marburg geboren. Nach einer Tischlerlehre studierte er an der FH Hildesheim mit Abschluss eines graduierten Ingenieurs (1975), dann Architektur an der TU Braunschweig. Während des Studiums arbeitete er in verschiedenen Büros, nach dem Diplom (1982) im Braunschweiger Büro für Stadtplanung Dr. Schwerdt. Ab 1983 war Zais Assistent bei Prof. Meinhard von Gerkan, freier Mitarbeiter bei gmp in Braunschweig und Architekt in eigener Tätigkeit. Er leitete das gmp-Büro Braunschweig und ist seit 1993 Partner im Büro von gmp.

    Mit weltweiten Projekten gehören von Gerkan, Marg und Partner zu den Planern, die maßgeblich die Gegenwartsarchitektur beeinflussen. Hierbei stehen nicht nur Nutzer oder funktionelle Ansprüche im Vordergrund, sondern auch ästhetische Anforderungen an ein Gebäude, ein Ensemble oder eine Stadt. Zu nennen sind zahlreiche national wie international bekannte Architekturen zwischen Verkehr, Büro und Verwaltung, Hotel und Einkauf, Wohnen, Kultur, Sport und Messe – so etwa der Flughafen Berlin-Tegel, die Neue Messe Leipzig, die EXPO-Plaza in Hannover, der neue Berliner Hauptbahnhof oder der Umbau des dortigen Olympiastadions samt Einrichtung einer Kapelle.

  • Literatur (Auswahl)

    • Marc-Stefan Andres: Das Wunder von Volkenroda, in: Die Zeit 2002, 10, 28. Februar 2002 [www.zeit.de/2002/10/Das_Wunder_von_Volkenroda/, Abrufdatum: 20. Februar 2017].
    • Johannes Determann (Bearb.): Stahl und Form. Christus-Pavillon – Von der EXPO 2000 Hannover nach Volkenroda (Thüringen) – Demontage und Wiederaufbau, hg. vom Stahl-Informations-Zentrum, Düsseldorf 2002.
    • Meinhard von Gerkan: Geometrie der Stille, Katalog, 20. Oktober bis 24. November 2002, Universitätsmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, Marburg, Darmstadt 2002.
    • Meinhard von Gerkan: Der heilige Raum, in: Der Architekt 2004, 1-2, 26.
    • Matthias Ludwig/Reinhard Mawick (Hg.): Gottes neue Häuser. Kirchenbau des 21. Jahrhunderts in Deutschland, Frankfurt am Main 2007.
    • Karl-Heinz Michel: Sehnsucht nach dem Heiligen, in: Der Architekt 2004, 1-2, 26-29.
    • Wolfgang Jean Stock: Architekturführer. Architectural Guide. Christliche Sakralbauten in Europa seit 1950. Christian Sacred Buildings in Europe since 1950, München u. a. 2004.
    • Gerhard Wegner/Horst Hirschler: Der Christus-Pavillon. Die EXPO-Kirche (Schnell- Kunstführer 2433), Regensburg 2000.
    • Internetpräsenz der Architekten: www.gmp-architekten.de.

Text: Dr. Matthias Ludwig, Schweinfurt

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