München-Riem

Kirchenzentrum: St. Florian (kath.) und Sophienkirche (ev.)

Anschrift Kirche
Platz der Menschenrechte 1-3
81829 München

“Ganz in Weiß”

1992 zog der Münchner Flughafen aus dem Osten der Stadt in das weit außerhalb gelegene “Erdinger Moos”. Nachfolgend entstand an seiner Stelle die “Messestadt Riem” als vollkommen neues Quartier mit Messegelände, Gewerbezonen, Wohnungen für 16.000 Menschen, Landschaftspark und Schnellbahnanschluss. Vorgesehen wurde auch ein kirchliches Zentrum, für das sich evangelisch-lutherische und römisch-katholische Christen auf einen gemeinsamen Bau verständigten. 2005 eingeweiht, besteht er im Inneren aus zwei konfessionell eigenständigen Teilen um die evangelische Sophienkirche und die katholische Kirche St. Florian. Nach außen hin jedoch erhebt sich ein einheitlicher Großbau mit weiß geschlämmten Fassaden und einem gemeinsamen freistehenden Glockenturm …

  • Überblick
    Ort
    München-Riem

    Bistum
    Erzbistum München und Freising

    Name der Kirche
    Kirchenzentrum: St. Florian (kath.) und Sophienkirche (ev.)

    Weihe
    2005 (4. Mai)

    Architekt
    Florian Nagler
    Besonderheit
    Der Bau steht in einer Reihe jüngerer (evangelischer) Kirchen in Südbayern, die angesichts starker Zuzüge errichtet werden. In Riem will sich das ökumenische Projekt im Neubauareal behaupten und zugleich klosterräumliche Ideen auf Zukunft transformieren.

    Nutzung
    Die Sophienkirche und St. Florian entstanden als Pfarr- bzw. Gemeindekirche. Die katholische Gemeinde St. Florian gehört dem Pfarrverband Vier Heilige Trudering Riem an.

    Standort / Städtebau
    Nördlich erheben sich die "Riem Arcaden", weiter nach Norden folgen der U-Bahnhof "Messestadt-West", der "Messesee" und das neue Messegelände. Gen Westen und Osten schließen mehrgeschossige Wohnbauzeilen an, während der Weg nach Süden in eine Grün- und Parklandschaft übergeht.

  • Beschreibung

    Grundriss


    München-Riem | Kirchenzentrum | Grundriss

    Das Kirchenzentrum besteht aus zwei konfessionell für sich genutzten Bereichen. Zum Gesamtkomplex auf rechteckigem Grundriss gelangt man von Westen, vom “Platz der Menschenrechte”, über einen zu diesem offenen Hof. Der davor aufragende Glockenturm auf rechteckiger Grundfläche markiert den Weg, der weiter führt zu den inneren, durch mehrere Höfe aufgelösten Strukturen. Hier verfügen beide Konfessionen je über einen Kirchenbau und weitere, diesen je umlagernde Gemeinde-Einrichtungen. Im nördlichen Nutzungsbereich kann die evangelische Sophienkirche auf quadratischem Grundriss durch Zuschaltungen erweitert werden. Im Süden, im größeren katholischen Gebäudeteil, findet sich der Kirchenraum von St. Florian. Er ruht auf einem gen Westen gerichteten Quer-Rechteck: Dieses untergliedert sich in Hauptraum, Werktagskirche und Taufkapelle, die ineinander übergehen und in den Grundriss ein lateinisches Kreuz einschreiben.

    Außenbau


    München | Kirchenzentrum | Außenbau | Foto: Stefan Müller-Naumann

    Zehn Meter hohe, weiß geschlämmte Außenwände umschließen den vom rechten Winkel beherrschten Baukomplex. Auch die großteils fensterlosen, abschnittsweise von schmalen Lamellen aufgebrochenen Fassaden und der gleichfalls reinweiße Glockenturm verleihen dem Kirchenzentrum eine einheitliche Außenwirkung. Am weitestgehend geschlossenen, 38 Meter hohen Turm bilden oben dünne Schlitze nach Norden und Süden ein Kreuz. Die beiden Kirchen hingegen sind nur an ihren erhöhten, dunkel verkleideten Dachabschlüssen ablesbar. Im Innenbereich entfaltet sich ein vielschichtiges Gefüge offener und geschlossener Bauteile und Einzelbaukörper. Der zentrale Erschließungsgang verläuft zwischen dem evangelischen Teil im Norden und dem katholischen Teil im Süden. Auch die zum Gang gewandten Wände wurden weiß gefasst. Weiter nach innen präsentieren sich die jeweiligen Gemeindebereiche differenziert: Je nach Nutzung wechseln Höfe, Bau- und Raumzonen, kommen roh belassenes Ziegelmauerwerk oder Holzwerkstoffe zum Einsatz.

    Innenraum


    München | Kirchenzentrum | St. Florian | Foto: Stefan Müller-Naumann

    Durch unterschiedliche Höhenentwicklungen voneinander abgesetzt, gehen Hauptraum, Werktagskirche und Taufkapelle von St. Florian offen ineinander über. Diese Raumabfolge formt ein lateinisches Kreuz, in dessen Schnittpunkt eine Altarinsel über ein Dachfenster belichtet wird. Über dem anthrazitfarbigen Boden zeigen die Wände fast weißen, marmorierten Gipsputz. Die Wandzone darüber trägt silbrig lasierte Holzlamellen, in die man die Weihekreuze einarbeitete. Über der Werktagskirche wurde die Orgelempore angelegt. St. Florian wird geprägt durch vier Glasflächen, welche die Enden des in den Raum projizierten Grundrisskreuzes markieren. Nach Osten öffnen sich dabei vierzehn Glastüren zu einem Innenhof.

    München | Kirchenzentrum | Sophienkirche | Foto: Christian Beirle

    Der würfelförmige Innenraum der evangelischen Sophienkirche ist bis auf den anthrazitfarbenen Fußboden in Weiß gehalten. Tageslicht fällt durch Lamellen in der westlichen Außenwand und innen davor gesetzte, auch über die gesamte Wandstruktur entwickelte Lattenwände. Weiteres Licht kommt durch ein Glasdach über dem Dachtragwerk aus kreuzweise geschichteten Hölzern. Mittels flexibler Glaswände kann man den Kirchenraum um Foyer und Gemeindesaal bis in einen Innenhof vergrößern.


  • Liturgie und Raum

    München | Kirchenzentrum | Außenbau | Foto: Stefan Müller-Naumann

    Die katholische Kirche St. Florian ist in ihrer Ausstattung festgefügt und wird über das eingeschriebene Grundriss-Kreuz geordnet: Vier Bankblöcke für ca. 250 Besuchende weisen von drei Seiten zur einfach gestuften Altarinsel. Dies ermöglicht eine um den Altar versammelte Gemeinschaft (“circumstantes”) ebenso wie eine – gen Westen orientierte – “Wegkirche”. Auf der Altarinsel finden sich Sedilien, Ambo und Altarblock. Die Taufe steht in der Taufkapelle, das Tabernakel in der als Anbetungs- und Andachtsraum genutzten Werktagskirche. Beichte und Sakristei wurden zu Seiten des Kirchenraums angeordnet. Um St. Florian gruppierte man mit Pfarrhaus, Pfarrheim und Kindergarten weitere Gemeinde-Einrichtungen.

    Die gut 100 Personen fassende, frei bestuhlte Sophienkirche ist weitgehend flexibel eingerichtet – und lässt sich auf die „Wolfenbütteler Empfehlungen“ des Evangelischen Kirchbautags von 1991 zurückführen. So ermöglicht die Ausstattung hier Gottesdienste in vielfältiger Form und Gestalt. Dafür sind auch die Prinzipalien mobil und mittels in den Boden eingelassener “Ösen” in verschiedenen Anordnungen arretierbar. Möglich ist etwa eine gen Westen orientierte “Grundstellung”. Außer dem erweiterbaren Kirchenraum verfügt die evangelisch-lutherische Gemeinde über Räume für Gemeinde-, Jugend- und Mutter-Kind-Gruppen sowie Büros, Pfarrwohnung und zwei Innenhöfe.

  • Ausstattung

    München | Kirchenzentrum | St. Florian | Foto: Stefan Müller-Naumann

    In St. Florian beherrscht das 7 x 17 Meter große gelbtonige “Auferstehungsfenster” der Künstlerin Hella Santarossa nicht nur die Altarwand, sondern den Gesamtraum. Es wurde als “action painting” auf insgesamt 35 querrechteckigen Scheiben entwickelt, die wiederum in verschiedenen Winkeln von 400 Acrylglasstäben durchzogen sind. Von Santarossa stammen auch das Südfenster, dessen rote Glasröhren in der Taufkapelle auf den Patron der Kirche verweisen, sowie das Nordfenster, dessen tiefblaue Glaselemente sich auf die Marienverehrung beziehen. Die Glasfelder der vierzehn Türen zum ostseitigen Innenhof wurden 2010 vom Künstler Horst Thürheimer als Kreuzweg-Panorama gestaltet. Im gleichen Jahr kamen auch die Figuren(gruppen) St. Florian und Maria des Bildhauers Stephan Balkenhol hinzu. Die liturgischen Orte entwickelte Martin Rauch mit dem Architekten: Altarinsel, Altar, Ambo und Sedilie zeigen an der Oberfläche veredelten Stampflehm. Altar und Ambo wurden mit Natursteinplatten abgeschlossen, entsprechend erhielten der Taufstein eine silberne Schale und das Tabernakel ein silbernes Gehäuse.

    München | Kirchenzentrum | Sophienkirche | Foto: Stefan Müller-Naumann

    Die mobile liturgische Einrichtung der evangelisch-lutherischen Sophienkirche wurde von der Bildhauerin Madeleine Dietz aus schwarzblauem, unbehandelten Stahl geschaffen. Dabei besteht der Altar aus vier variabel stellbaren, quadratischen Stahlhohlkörpern, in die gerissene Tonstücke eingelassen sind. Die Taufe entstand als stehender Zylinder mit Terrakotta-Schale. Funktional gestaltet wurden Lesepult, Kerzenständer und Kerzenecke, auch die vasa sacra entwickelte dieselbe Künstlerin. Das polychrome, aus Spanplatten komponierte Kreuz an der Westseite des Gottesdienstraums entwarf der Maler Raimer Jochims.

  • Von der Idee zum Bau

    München-Riem | Großbaustelle | Foto: High Contrast, CC BY SA 3.0

    Für die nach 1992 entstehende “Messestadt Riem” wies der Bebauungsplan ein zentrales Grundstück mit 6000 Quadratmetern für “kirchliche Zwecke” aus. Die Erzdiözese München und Freising sowie die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern einigten sich, dieses zu erwerben und gemeinsam zu nutzen. So lobten sie 2000 einen beschränkten Wettbewerb aus – für ein katholisches Pfarrzentrum und ein evangelisches Gemeindezentrum. Diese sollten “bei Wahrung der Eigenständigkeit der katholischen und der evangelischen Kirchengemeinde (…) eine Zusammengehörigkeit erkennen (…) lassen.” Um dem entstehenden “Platz der Menschenrechte” einen Rahmen zu geben, forderte die Stadt zudem eine Fassadenhöhe von zwölf Metern. Unter zwölf eingeladenen Teilnehmern wurde der Entwurf des Münchner Architekten Florian Nagler mit einem ersten Preis ausgezeichnet. Die Grundsteinlegung erfolgte am 3. Mai 2003, am 4. Mai 2005 konnte das Kirchenzentrum eingeweiht werden: “Inmitten des städtischen Umfeldes entsteht so ein besonderer Ort, der gleich einer geschützten Oase den beiden im Aufbau befindlichen Gemeinden Schutz und Heimat bietet, der aber auch als ruhiger Rückzugsbereich der Öffentlichkeit zur Verfügung steht.” (Florian Nagler)

  • Der Architekt Florian Nagler

    München-Riem | Kirchenzentrum | Außenbau | Foto: Stefan Müller-Naumann

    Florian Nagler wurde 1967 in München geboren. Nach Abitur und begonnenem Studium der Kunst- und bayerischen Geschichte absolvierte er eine Lehre als Zimmermann. Von 1989 bis 1994 studierte er Architektur an der Universität Kaiserslautern, es folgte eine freie Mitarbeit im Büro Mahler Günster Fuchs, Stuttgart. Ab 1996 wurde Nagler als freier Architekt in Stuttgart, ab 1999 in München tätig. Seit 2001 betreibt er dort ein gemeinsames Büro mit Barbara Nagler.

    Gast- und Vertretungsprofessuren führten Nagler nach Wuppertal, Kopenhagen und Stuttgart, seit 2010 besetzt er eine Professur für Entwerfen und Konstruieren an der Technischen Universität München. In verschiedenen Gremien Mitglied, wurde Nagler für Projekte und Tätigkeiten mit etlichen, teils hochrangigen Preisen ausgezeichnet. Bauten von ihm entstanden und entstehen u. a. in den Bereichen Kultur, Tagung, Gastronomie, ländliches/regionales Bauen, Schul-/Hochschulwesen, Wohnen und Arbeit. Aktuell arbeitet Nagler am Wiederaufbau der bei einem Brand zerstörten St. Martha Kirche in Nürnberg.

  • Literatur (Auswahl)
    • Jörg Hellmuth u. a. (Bearb.): Evangelisch-lutherische Sophienkirche. München, Messestadt Riem, hg. von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde Feldkirchen, Pfarrstelle Messestadt Riem, Dettelbach o. J. [2005].
    • Andreas Hildmann/Norbert Jocher (Hg.): Die Münchner Kirchen. Architektur – Kunst – Liturgie, Regensburg 2008.
    • Bettina Krogemann: Das ökumenische Gemeindezentrum für die Messestadt München-Riem, in: Kirche + Kunst 85, 2007, 1, 17-20.
    • Matthias Ludwig/Reinhard Mawick (Hg.): Gottes neue Häuser. Kirchenbau des 21. Jahrhunderts in Deutschland, Frankfurt am Main 2007.
    • Florian Nagler: Kirchenbau unter Tranformationsbedingungen, in: Kunst und Kirche 72, 2009, Sonderheft, 38-41.
    • Florian Nagler: München-Riem. Ökumenisches Kirchenzentrum – Sophienkirche. Florian Nagler Architekten 2005, in: Hans-Peter Hübner/Helmut Braun (Hg.): Evangelischer Kirchenbau in Bayern seit 1945, Berlin/München 2010, 226-229.
    • George Resenberg/Norbert Jocher (Hg.): St. Florian. München-Messestadt Riem. Pfarrkirche St. Florian, Weiler im Allgäu 2005.
    • Walter Zahner: München-Riem. Ökumenisches Kirchenzentrum, in: Angelika Nollert u. a. (Hg.): Kirchenbauten in der Gegenwart. Architektur zwischen Sakralität und sozialer Wirklichkeit, Regensburg 2011, 116-119.
    • Internetpräsenz des Architekten: www.nagler-architekten.de.
    • Zitat in Überschrift dieses Beitrags nach der Redewendung “Ganz in Weiß”, so auch im gleichnamigen Roy-Black-Song (1966, Polydor, Text: Kurt Hertha, Musik: Rolf und Henry Arland).
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.
Text: Dr. Matthias Ludwig, Schweinfurt

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