Regensburg

St. Matthäus

Anschrift Kirche
Graf-Spee-Straße 1
93053 Regensburg

Das große Stühlerücken

Weniges schien einem Theologen der Nachkriegszeit so modern wie Stühle in einer Kirche. Die Gemeinde sollte sich nicht länger in starre Bänke zwängen, sondern den Gottesdienstraum flexibel nutzen. In Regensburg verwirklichte man diese Idee 1954 erstaunlich früh. Doch damit diese Freiheit in der neuen Matthäuskirche nicht zur Unordnung geriet, markierte der Architekt Adolf Abel die leicht gebogenen Stuhlreihen mit grauem Linoleum im rot-weißen Bodenbelag. Stolz stifteten die Gemeindeglieder ihre neuen Holzstühle, das Stück zu 50 D-Mark. Darauf saßen sie (und sitzen bis heute) stilvoll und bequem, blicken mal nach vorne zum Altar, mal leicht schräg zur Kanzel, mal andersherum zur Orgelempore. Eine Beweglichkeit, die architektonisch wie theologisch bestens ins Bild passt: Unter dem Turm spannt sich das weite Satteldach über die Matthäuskirche wie ein Zelt über das “wandernde Gottesvolk”.

  • Überblick
    Ort
    Regensburg

    Landeskirche
    Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern 


    Name der Kirche
    St. Matthäus

    Einweihung
    1954 (31. Oktober)

    Architekt
    Adolf Abel
    Besonderheit
    Mit der Matthäuskirche gestaltete der Architekt Adolf Abel bis 1954 "einen der ersten Grundrisse mit stufenförmig sich verengendem Raum" (Hugo Schnell).

    Nutzung
    Gemeindekirche

    Standort / Städtebau
    St. Matthäus bindet unter einem Dach verschiedene Gemeindefunktionen zusammen. Umgeben von einem Wohngebiet im Südosten der Stadt Regensburg, liegt die Kirche inmitten einer Grünfläche, die von der Hermann-Geib-, der Alfons-Auer-und der Von-Reiner-Straße umfangen wird.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Regensburg | St. Matthäus | Grundriss

    Der Grundriss von St. Matthäus formt ein L: nach Südosten der Kindergarten und Wohnungen, nach Südwesten die Kirche, wie ein “Gelenk” dazwischen der Gemeindesaal. Letzter kann über einen Gang hinweg mit zwei Faltwänden zur Kirche zugeschaltet werden. Am nördlichen Ende dieses Gangs ist zudem ein Turm auf quadratischer Grundfläche eingefügt. Der Gottesdienstraum verjüngt sich in vier Stufen nach Südwesten zum Altarraum hin, an den sich nach Osten ein Sakristeiraum anschließt.

    Außenbau


    Regensburg | St. Matthäus | Außenbau | Foto: Johanning, CC BY SA 4.0

    Der weiß gefasste Ziegelbau wird von einem Turm mit Satteldach überragt. Kirche und Gemeindesaal werden ebenfalls von einem Satteldach überfangen, dessen Firstlinie entlang der Nahtstelle der beiden Raumzonen verläuft. Während die Kirche und der Gemeindesaal durch hochrechteckige Fenster bestimmt werden, zeigen der Kindergarten und die Wohnungen auf zwei Geschossen waagrechte Fensterbänder oder annähernd quadratische Fensteröffnungen.

    Innenraum


    Regensburg | St. Matthäus | Innenraum | Foto: Mario Kick, lichtbildwerke.org

    Ein Zugang erschließt die Matthäuskirche von Osten: Rechts geht es zum Gemeindesaal, links zum Gottesdienstraum, den man unter der geschwungenen Orgelempore hervor betritt. Vom Altarraum ausgehend steigt die holzverkleidete Decke bis zur Orgelempore hin an, um im zuschaltbaren Gemeindesaal wieder abzufallen. Da sich die Kirche zugleich stufenweise nach Südwesten hin verjüngt, wird der ganze Raum auf das liturgische Zentrum hin konzentriert: den um drei Stufen erhöhten Altar. Ihn rahmen, von der Gemeinde aus gesehen, links die leicht schrägt auf die Stufen gesetzte Kanzel, rechts der Ambo und rechts davon vor den Stufen das Taufbecken. Der Altarraumbereich wird von Westen, der übrige Kirchenraum von Westen belichtet.


  • Liturgie und Raum

    Regensburg | St. Matthäus | Innenraum | Foto: Mario Kick, lichtbildwerke.org

    Die Regensburger Matthäuskirche musste vielen Anforderungen gerecht werden: Kirche, Gemeindezentrum, Kindergarten, ab Ende der 1950er Jahre (bis 2011/12) auch noch Garnisonskirche. Hier kam die Stärke des Architekten Adolf Abel, der mehr ein Städte- als ein Kirchenbauer war, zum tragen: Er fasste alle Funktionen formal stimmig in einem Ensemble zusammen, dessen Räume sich den wechselnden Nutzungen anpassen konnten. Selbst die umgebende Freifläche wurde einbezogen. Eine Vorplanung sah eine Stufenanlage wie bei einem Amphitheater neben der Kirche vor. Verwirklicht wurde dann “nur” eine “Freiempore” auf der Sakristei. Hier, so die Idee, konnten sich Chor oder Musiker an die Gemeinde wenden. Eine Idee, die nur selten wirklich genutzt wurde, doch seit über 60 Jahren finden in der und um die Matthäuskirche Gottesdienst und Gemeindearbeit zu einem engen – auch räumlichen – Miteinander.

  • Ausstattung

    Regensburg | St. Matthäus | Gekreuzigter | Foto: Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Matthäus Regensburg

    Kanzel, Altar und Ambo zeigen nach außen grauschwarzen Wallenfelser Marmor. Vom Künstler Blasius Spreng stammen fast alle Ausstattungsstücke aus der Bauzeit: der in Messing gearbeitete Evangelist Matthäus an der Kanzelbrüstung, die in Enkaustik (Malerei mit in Wachs gebundenen Farbpigmenten) ausgeführte Altarwandgestaltung zum Thema “Bergpredigt”, das Altarkreuz, das Taufbecken, die Liedtafeln und das Mosaik über dem Haupteingang, das den Engel als Zeichen für den Kirchenpatron abbildet. Die Orgel wurde 1955 von Werkstatt Eduard Hirnschrodt gefertigt. An der Westwand des Kirchenraums ergänzte die Bildhauerin Marie Luise Wilckens 1959 einen Gekreuzigten in Gussbronze. Er ruht auf einer kreuzförmigen Ziegelsteinfläche, die aus den hell geschlämmten Wänden ausgespart wurde. 1988 erneuerte man die Kirchenfenster, die zur Bauzeit aus Glasbausteinen gefügt waren, mit mundgeblasenen Gläsern in den ursprünglichen Farben Rot, Blau und Gelb.

  • Von der Idee zum Bau

    Regensburg | St. Matthäus | Foto: Oberfränkischer Postkartenverlag Bayreuth, Viktoria Bouillon, um 1954

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Zahl der Protestanten in Regensburg stark an, so dass 1949 der Bau der “Nordkirche Ost” in der Hornstraße notwendig wurde. Bereits zwei Jahre darauf gründete sich der “Evangelische Kirchenbauverein Regensburg-Ost”, um einen repräsentativen Gottesdienstraum zu verwirklichen. Man beauftragte den Architekten Adolf Abel, dessen Sohn in diesen Jahren in Regensburg als Vikar tätig war. Der Grundstein wurde am 4. Oktober 1953 gelegt, die Einweihung am 31. Oktober 1954 gefeiert. Im Folgejahr erhob man St. Matthäus schließlich zur eigenständigen Pfarrei. Der Glockenturm, dessen Dach zur Bauzeit flach abschloss, wurde später aufgestockt und erhielt ein Satteldach. Im Inneren verwandelte man den Sockel des Taufbeckens, das ursprünglich rechts auf den Altarraumstufen stand, zum Ambo und versetzte das Becken auf einem Ständer rechts vor die Stufen. Der Kindergarten wurde 1975 und 1990 erweitert. Von 2006 bis 2008 erfolgte die letzte Sanierung von Kirche und Gemeindesaal.

  • Der Architekt Adolf Abel

    Köln | Messeturm | Foto: Copyright, Raimond Spekking, CC BY SA 3.0

    Adolf Abel wurde am 27. November 1882 in Paris geboren. Sein Architekturstudium absolvierte er in Stuttgart (u. a. bei Theodor Fischer) und in Dresden, um anschließend in verschiedenen Büros mitzuarbeiten. Nach dem Ersten Weltkrieg wirkte Abel an der TH Stuttgart zunächst als Assistent von Paul Wallot, dann mit eigenem Lehrauftrag. Parallel arbeitete er mit dem Architekten Karl Böhringer in Stuttgart und leitete die Hochbauabteilung der Neckar-AG.

    1925 wechselte Abel als Stadtbaudirektor nach Köln, 1930 auf eine Professur nach München. Doch 1933 entzog ihm der neue Reichskanzler Adolf Hitler den Auftrag für eine neue Kunsthalle in München, die Abel als funktionalen Eisenbetonbau geplant hatte. Stattdessen wurde der monumental-neoklassizistische Entwurf von Paul Ludwig Troost umgesetzt. In den folgenden Jahren der NS-Zeit konnte Abel nur eingeschränkt Projekte umsetzen. Nach Kriegsende wirkte er u. a. im Wiederaufbau in Baden-Württemberg und Bayern. Den Höhepunkt seiner Bautätigkeit erreichte er in den 1920er Jahren, vor allem mit öffentlichen Projekten. So prägte er etwa das Kölner Messe- und Universitätsgelände. In seinem Spätwerk ist die Neue Liederhalle (1955/56, mit Rolf Gutbrod) in Stuttgart hervorzuheben, die ebenso wie die zeitgleiche Regensburger Matthäuskirche noch der Klassischen Moderne nahe steht. Adolf Abel verstarb am 3. November 1968 im Alter von 85 Jahren in Bruckberg in Mittelfranken.

  • Literatur (Auswahl)
    • Adolf Abel, Art., in: Rudolf Vierhaus (Hg.), Deutsche Biographische Enzyklopädie, 2. Ausgabe, Bd. 1, München 2005, 6.
    • Adolf Abel/Hermann Greifenstein: Die St. Matthäus-Kirche zu Regensburg. Eine neue Idee im evangelischen Kirchenbau, in: Kirche und Kunst 34, 1956, 2, 9-16 (mit Fotografien u. a. von Viktoria Bouillon, Oberfränkischer Post-/Ansichtskartenverlag Bayreuth).
    • Hans-Peter Hübner/Helmut Braun (Hg.): Evangelischer Kirchenbau in Bayern seit 1945, hg. im Auftrag des Landeskirchenrats der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern Berlin/München 2010.
    • Peter Morsbach: Evangelische Kirchen in Regensburg, München/Zürich 1991.
    • Anders Rydell: Hitlers Bilder. Kunstraub der Nazis – Raubkunst in der Gegenwart, Frankfurt am Main/New York 2014, 26.
    • Bärbel Mayer-Schärtel: Die evangelische Gemeinde St. Matthäus in Regensburg, auf: st-matthaeus-regensburg.de (Abrufdatum: 23. Februar 2018, www.st-matthaeus-regensburg.de/index.php?page=gemeinde).
    • Hugo Schnell: Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Dokumentation. Darstellung. Deutung, München/Zürich 1973, 173, 214.
    • Peter Schulz: Die Kirche St. Matthäus Regensburg
      – ein Spaziergang, auf: st-matthaeus-regensburg.de (Abrufdatum: 23. Februar 2018, www.st-matthaeus-regensburg.de/index.php?page=rundgang_matthaeus).
    • Mario Kick: Internetplattform “Kirchen der Oberpfalz. Wir lassen die Kirchen im Dorf”, www.kirchenderoberpfalz.de.
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.
Text: Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald

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