Twist-Schöninghsdorf

St. Franziskus

Anschrift Kirche
Franziskusstraße 6
49767 Twist-Schöninghsdorf
  • Informationen
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    Anschrift Pfarramt Katholisches Pfarramt St. Franziskus
    Franziskusstraße 6
    49767 Twist-Schöninghsdorf
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    Kirchen im Norden

Kirche im Moor

Urwüchsig und expressiv wurzelt die Kirche in der Moorregion des westlichen Emslands. Das markante Dachgewölbe (seine ungewöhnliche Form wurde vom Merseburger Stadtbaurat Friedrich Zollinger erfunden und nach ihm benannt) ist weit heruntergezogen, nur kleine Fenster öffnen die Seitenwände. Im Kirchenraum erinnern die silber-blau changierenden Holzlamellen der Decke an das Himmelsgewölbe. Es fällt kaum natürliches Licht ein, umso mehr Bedeutung kommt dem elektrischen Licht zu. Erst 1929, im Jahr der Fertigstellung der Kirche, wurde Schöninghsdorf ans Stromnetz angeschlossen. Die elektrisch betriebenen Glocken, die automatische Turmuhr und das Lichtband waren ein Novum für die Moorregion!

  • Überblick
    Ort
    Twist-Schöninghsdorf

    Bistum
    Bistum Osnabrück

    Name der Kirche
    St. Franziskus

    Weihe
    1930 (3. August)

    Architekt
    Theodor Burlage
    Besonderheit
    Für St. Franziskus interpretierte der Architekt Theodor Burlage die Gotik in expressionistischer Form. Hervorzuheben sind die Zollinger-Dachkonstruktion sowie die elektronisch betriebene Beleuchtung, Glocken und Turmuhr.

    Nutzung
    Pfarrkirche

    Standort / Städtebau
    Die Kirche liegt im Emsland an der niederländischen Grenze im Internationalen Naturpark Bourtanger Moor-Bargerveen. Ihre mächtige Turmfront dominiert das Kopfende einer Allee, die auf das Hauptportal zuführt. Der Nord-Süd-Kanal und eine weitere Straße verlaufen quer vor der Kirche.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Grundriss

    St. Franziskus erhebt sich als einfacher Saal mit eingezogenem Chorhaus über rechteckigem Grundriss. Die quer zu den Seitenwänden stehenden Backsteinstützen (Strebepfeiler), welche die für den Bau so prägnante Dachkonstruktion tragen, gliedern die Seitenwände des Langhauses. Diese flächenmäßig kleinen Wände zeigen Fensteröffnungen. Auf der Südseite des Chors ist ein rechteckiger Anbau mit Satteldach als Sakristei angefügt. Im Osten erhebt sich der mächtige querrechteckige Turm, der den Eingang aufnimmt.

    Außenbau


    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Außenbau | Foto: Pia Landmann, Bild: Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V.

    Der rote Ziegelstein des Mauerwerks und das markante rote Ziegeldach prägen gemeinsam mit der mächtigen Turmfassade das äußere Erscheinungsbild. In der Moorsiedlung bildet der querrechteckige Turm mit den prägnanten Schallöffnungen der Glockenstube und den Zifferblättern der Turmuhr weithin sichtbar eine Dominante. Die von Theo M. Landmann gestalteten Buntglasfenster setzen von außen dezente künstlerische Akzente. Die Zifferblätter der elektrischen Turmuhr dienen nach drei Seiten zugleich als Gedächtnisort für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen aus Schöninghsdorf und Provinzialmoor: Jede einzelne Ziffer trägt Namen und Sterbedatum eines Gefallenen.

    Innenraum


    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus von Assisi | Innenraum | Foto: Pia Landmann, Bild: Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V.

    Neben dem überdimensionalen Kruzifix, das hinter dem Chorbogen den Altarraum beherrscht, prägt das Zollingerdach den Kirchenraum. Die silberfarbenen, rautenförmig angeordneten Lamellen-Kanten heben sich von der dunkelroten Holzwölbung ab und erinnern so an ein gotisches Netzgewölbe. Die Wandpfeiler, die gleichsam Seitennischen ausbilden, nehmen die von Theo Landmann in Hinterglasmalerei ausgeführten Kreuzwegstationen auf. Diese entsprechen den etwa gleich großen Fensteröffnungen. Ein buchstäbliches “High-Light” des Kirchenentwurfs war das Band aus elektrischem Licht, das entlang des Gesimses am Übergang von Dachwölbung und Stützensystem verlief. Leider ist es heute durch eine andere Beleuchtung ersetzt.


  • Liturgie und Raum

    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Marienfigur | Foto: Pia Landmann, Bild: Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V.

    Die liturgische Raumordnung entsprach ursprünglich einer klassischen vorkonziliaren Wegekirche: Bis heute versammelt sich die Gemeinde in Reihen hintereinander im Langhaus und ist auf den abgesonderten (Hoch-)Altar hin orientiert. Der Tabernakel steht noch immer auf dem Altar (beide wurden 1995 neu gestaltet) zu Füßen des monumentalen Kruzifixes. Vor dem Chorbogen befand sich zur Linken der Gemeinde eine Kanzel, zur Rechten ein Marienaltar. Den Taufort brachte Burlage anfangs auf der rechten Seite im Turm unter, heute liegt er vor dem Chorbogen. 1975 wurde die liturgische Raumordnung gemäß den Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils von Klaus Burlage und Bernd Niebuer geändert, wobei auch die gemauerten Kommunionschranken wegfielen. 1995/96 renovierte man den Kirchenraum erneut und stattete ihn mit neuen Prinzipalien des Künstlers Josef Baron aus (Altar, Ambo, Tabernakel).

  • Ausstattung

    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Altarraum | Foto: Pia Landmann, Bild: Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V.

    Durch die markante Dachkonstruktion bieten die Seitenwände nur wenig Fläche für Fenster. Diese gestaltete der Glasmaler Theo M. Landmann daher weniger als Lichtöffnungen, sondern vielmehr als künstlerisch-didaktisches Mittel der Verkündigung. Er hat jeweils die drei Fenster einer Nische als thematische Einheit zusammengefasst, sieben Nischen wiederum formen einen Zyklus zu den sieben Sakramenten. Ähnlich wie eine spätmittelalterliche “ars memorandi” verknüpfte Landmann hierfür symbolische Elemente und Textfragmente: Zwei “Textfenster” rahmen und erläutern ein mittleres, mit Piktogrammen versehenes Fenster.

    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Fenstergestaltung | Foto: Pia Landmann, Bild: Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V. width=

    Außer den sieben Sakramenten thematisieren vier Landmann-Fenster die vier Evangelisten. Im Turm befindet sich außerdem ein Fenster mit dem Thema des Heiligen Franziskus (Südseite) sowie, am ursprünglichen Taufort der Kirche (Nordseite), ein Fenster mit der Taufe Jesu und dem Leben des Johannes. Im Chorraum und im Turm (also an den Orten, die von den Gläubigen nicht direkt aufgesucht werden und sich daher nicht zur Verkündigung eignen) ergänzte Landmann abstrakte Fenstergestaltungen. Der vom Kirchenraum abgesonderte Chorraum wird beherrscht von einem 4,5 Meter hohen Christuskorpus, der (ebenso wie das Wandrelief zum Thema “Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid”) von Wolfdietrich Stein und Albert Burges entworfen wurde. Auch die ursprüngliche Marienskulptur vor dem Chorbogen stammte von den Künstlerfreunden Burges und Stein, die heutige Marienfigur wurde vom Osnabrücker Künstler Ludwig Nolde geschaffen.

  • Von der Idee zum Bau

    Twist-Schöninghsdorf | St. Franziskus | Fenstergestaltung | Foto: Anja Becker-Chouati

    1903 wurde in der – 1876 von dem Verleger Ferdinand Schöningh und seinem Bruder Eduard gegründeten – Siedlung Schöninghsdorf eine Notkirche gebaut; 1926 konnte sich ein Kirchbauverein gründen. Der Neubau wurde von Dezember 1928 bis Dezember 1929 von Theo Burlage gestaltet und am 3. August 1930 durch Bischof Hermann Wilhelm Berning geweiht. Der Entwurf für Schöninghsdorf vereint in sich den Charakter traditioneller katholischer Kirchenräume und eröffnet dennoch ein breites Spektrum zeitgemäßer künstlerischer Gestaltung. 1933 konnte Theo Burlage neben der Leipziger Bonifatiuskirche (1930) auch die Franziskuskirche aus Schöninghsdorf auf der Weltausstellung in Chicago (Hall of Religion) als Vertreter moderner deutscher Kirchenkunst vorstellen.

  • Der Architekt Theodor Burlage

    Theo Burlage, 1959 | Foto: Klaus Burlage

    Theo Burlage (1894-1971) studierte in Stuttgart Architektur, gründete 1925 sein eigenes Büro und arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg mit Bernd Niebuer als Partner. Für Schöninghsdorf entwarf der damals noch junge Burlage – zeitgleich zur Leipziger Bonifatiuskirche (1930) – einen archaisch-expressiven Raum, der sich durch seine klaren Formen, die kräftige Farbigkeit und seine stets sichtbaren irdenen Baumaterialien auszeichnet. Holz, Ziegelstein und Farbe kennzeichnen den gedrückten und auf Christus hin orientierten Raum.

    Burlage arbeitete seit diesen frühen Bauten intensiv mit dem jüngeren Osnabrücker Künstler Theo M. Landmann (1903-78) zusammen, mit dem er über Jahrzehnte in engem Austausch stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg taten sich beide u. a. für Kirchen in Oldenburg, Lingen und Borken zusammen. Die Lamellenkonstruktion des Zollingerdachs von Schöninghsdorf beeinflusste auch die Kirche St. Antonius Abbas (1932) des Münsteraner Architekten Wilhelm Sunder-Plaßmann (1866-1950) in Wettrup.

  • Literatur (Auswahl)

    • Manfred Fickers: Turmuhr erinnert an die Toten. Kirche in Twist ist Denkmal für Ersten Weltkrieg, in: Neue Osnabrücker Zeitung 28. März 2014 (www.noz.de/lokales/twist/artikel/462787/kirche-in-twist-ist-denkmal-fur-ersten-weltkrieg#gallery&0&0&462787, Abruf: 3. Juni 2016).
    • Ein ungewöhnliches Gotteshaus, den alten Moorkaten nachempfunden, in: Kirchenbote. Wochenzeitung für das Bistum Osnabrück, 40, 6. Oktober 1996, 18.
    • 100 Jahre Schöninghsdorf. Schöningh sien Dörp 1876 – 1976, Paderborn 1976, 30-35.
    • Die neue katholische Kirche in Schöninghsdorf, in: Osnabrücker Volkszeitung 2. August 1930.
    • Osnabrücker Kunst auf der Weltausstellung in Chikago, in: Osnabrücker Volkszeitung 11. Juni 1933.
    • Schöninghsdorf. Katholische Pfarrkirche St. Franziskus v. Assisi, in: Baudenkmale. Kulturführer des Landkreises Emsland, hg. vom Lankreis Emsland, Meppen 1993, 260.
    • Ruth und Theo M. Landmann Archiv e. V. (Abruf: 21. Mai 2016, www.landmann-archiv.de/3-landmann-archiv/landmann-archiv.php)

Text: Anja Becker-Chouati M. A., Köln