Weimar-Schöndorf

Stephanuskirche

Durch Dornen

Als ob es nicht genügt hätte, dass der Bau einer Kirche zu DDR-Zeiten an sich schon ein schwieriges Unterfangen war. In Schöndorf, im Norden von Weimar, kam noch der besondere Standort hinzu: am östlichen Hang des Etterbergs, in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen NS-Konzentrationslager Buchenwald. So erhielt die neue Kirche 1966 zeichenhaft den Namen des “ersten christlichen Märtyrers” Stephanus. Auch die Altarwandgestaltung wurde als Bild der Versöhnung ausgeformt. Das Kreuz durchbricht eine Wand aus Dornen. Vor diesem Hintergrund fand hier 1985 das zentrale Dietrich-Bonhoeffer-Gedenken statt, das als erste Kirchen-Veranstaltung im DDR-Fernsehen übertragen wurde.

  • Überblick
    Ort
    Weimar-Schöndorf

    Landeskirche
    Evangelische Kirche in Mitteldeutschland


    Name der Kirche
    Stephanuskirche

    Einweihung
    1966 (15. Mai)

    Architekt
    Klaus Kaufmann
    Besonderheit
    Der besondere Standort, die unmittelbare Nachbarschaft zum ehemaligen NS-Konzentrationslager Buchenwald, wird durch eine zeichenhafte Altarwandgestaltung und eine lebendige Gedenkarbeit aufgegriffen.

    Nutzung
    Gemeinde- und Gedenkkirche

    Standort / Städtebau
    Im Norden von Weimar und im Osten des Ettersbergs steht die Stephanuskirche frei in einer Grünfläche an einem Ausläufer der Schöndorfer Hauptstraße.

  • Beschreibung

    Grundriss und Außenbau


    Weimar-Schöndorf | Stephanuskirche | Außenbau | Foto: Ghostwriter123, CC BY SA 4.0

    Der rechteckige Grundriss ist an seinen beiden längeren Seiten, im Norden und im Süden, jeweils nach außen geknickt. Diese Weitung liegt asymmetrisch nach Westen verschoben. Auch der übrige, weiß gefasste Baukörper wird durch konische Formen belebt: Das schiefergedeckte Satteldach ist jeweils an seinen breitesten Stellen heruntergezogen: Im Norden schließt hier auf quadratischer Grundfläche die Sakristei an, im Süden ist in ähnlicher Form der sich nach oben verjüngende Glockenturm eingeschoben. Dieser wird bekrönt von einem kupfernen Knauf mit filigranem Kreuz.

    Innenraum


    Weimar-Schöndorf | Stephanuskirche | Innenraum | Foto: Ghostwriter123, CC BY SA 4.0

    Die Kirche wird von Süden über das Turmportal erschlossen. Nach Osten öffnet sich ein weiter, weiß gefasster Gottesdienstraum mit rotem Ziegelfußboden, den eine dunkle hölzerne Kassettendecke überfängt. Ihr entspricht der dunkle Bankblock im Kirchenschiff. Die Südwand wird durch vier hochrechteckige Betonsprossenfenster belichtet. Im Westen wird der Gottesdienstraum durch die Orgelempore begrenzt. Das ornamental-abstrakte Muster der Metallbrüstung erinnert an die aus Betonformsteinen gebildeten Schallöffnungen des Glockenturms.


  • Liturgie und Raum

    Weimar-Schöndorf | Stephanuskirche | Taufbecken | Foto: Ghostwriter123, CC BY SA 4.0

    Die Stephanuskirche muss gleich zwei Anforderungen gerecht werden: Sie dient dem Gedenken an die NS-Opfer ebenso wie einer lebendigen Gemeinde- und Gottesdienstarbeit. Hierfür wurde der einfach gestufte Altarraum mit einer markanten Wandgestaltung zeichenhaft aufgeladen. Darin eingebunden, bilden der Altartisch und die nach Norden vorgerückte Kanzel das liturgische Zentrum. Der Taufstein hingegen findet sich vielsagend im Westen des Kirchenschiffs, nahe am Eingang und zugleich inmitten der Gemeinde. Der Bankblock ist so gestaffelt, dass er nach Süden hin flexibel um Klappstühle ergänzt werden kann. Ebenso lässt sich der Gemeinderaum im Westen über eine Faltwand zugeschalten. Darüber bietet ein Raum für die Jugendarbeit weitere Nutzungsvielfalt. Gemeinsam mit der benachbarten katholischen Kirche St. Bonifatius (1957) werden zudem ökumenische Gedenkveranstaltungen organisiert.

  • Ausstattung

    Weimar-Schöndorf | Stephanuskirche | Glasgestaltung | Foto: Claus Bach, Weimar

    Als Altarwandgestaltung schuf der Eisenacher Kunstschmied Günther Laufer eine bis zu 5 Meter hohe Stahlplastik. Für die seitlichen dornenähnlichen Strukturen kamen Stanzreste aus der Industrie zum Einsatz. Der Altartisch, das Kanzelpult und der Taufstein verbinden die Materialien Stein und Metall. Mitte der 1960er Jahre erhielten die klarverglasten Südfenster – nach einem Entwurf des Restaurators Kurt Thümmler – eine pflanzenähnliche Struktur aus aufgeklebten Buntglaselementen. 1969 kam die Orgel aus der Gothaer Werkstatt von Rudolf Böhm hinzu.

  • Von der Idee zum Bau

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    Schöndorf wurde 1939 der Stadt Weimar zugeschlagen. Bereits im darauffolgenden Jahr äußerten die Protestanten in der Otto-Eberhardt-Gartenstadt (später: Rosa-Luxemburg-Siedlung) den Wunsch nach einem eigenen Kirchenraum. Zu diesem Zeitpunkt wohnten hier vor allem Industriearbeiter aus Schlesien und aus dem Rheinland. Ihr Vorhaben wurde zunächst durch den Krieg, dann durch die Politik der DDR-Regierung verhindert: Baumaterial, Bauplatz und Baugenehmigung kamen vorübergehend abhanden. Die ab 1947 selbständige Gemeinde mietete sich vorerst in der alten Dorfschule ein. Am 25. Juni 1964 legte man schließlich den Grundstein für die neue Kirche, die am 15. Mai 1966 eingeweiht wurde.

  • Der Architekt Klaus Kaufmann

    Tambach-Dietharz | Lutherkirche | Foto: ErwinMeier, CC BY SA 3.0

    Dipl.-Ing. Klaus Kaufmann, geboren am 15. März 1931 im schlesischen Wenigtreben, kam nach der Flucht 1945 ins thüringische Buttstädt. Zunächst absolvierte er eine Maurerlehre und ein Architekturstudium in Weimar. Von 1956 bis 1992 arbeitete er in Eisenach im Thüringer Landeskirchenamt: ab 1977 als Kirchenbaurat, ab 1980 als Leiter der Projektierungsabteilung. Damit begleitete und prägte er das Bauen der Landeskirche von den ersten Jahren der DDR bis hin zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Am 4. Februar 2015 starb Klaus Kaufmann im Alter von 83 Jahren.

    Mit der Weimarer Stephanuskirche verwirklichte der noch junge Architekt 1966 seine zweite Kirche. Als ein weiterer Neubau ist das Martin-Niemöller-Haus (1983) in Jena-Neulobeda zu nennen. Auch im Bestand hinterließ Kaufmann bemerkenswerte Spuren: Gemeinsam mit dem Bildhauer Friedrich Press ordnete er 1974 die historistische Kreuzkirche in Weimar neu. Bis 1976 leitete er die horizontale Teilung der Lutherkirche in Tambach-Dietharz an, die damit im Untergeschoss einen Gemeindesaal aufnehmen konnte. In all diesen Beispielen ermöglichte Kaufmann mit einer geschickten Raumaufteilung große Nutzungsvielfalt.

  • Literatur (Auswahl)
    • Peter Guth: Wände der Verheissung. Zur Geschichte der architekturbezogenen Kunst in der DDR, Thom 1995, 217 (zugl. Diss., Leipzig, 1995).
    • Michael von Hintzenstern: Jubiläum.Kirchweih im Plattenbaugebiet, in: Glaube und Heimat 3. März 2013, 9, 7.
    • Elfride Kiel (Bearb.): kirchbau heute. dokumentation. diskussion. kritik, München (Lizenzausgabe Leipzig) 1969, 142-143.
    • Günther Laufer, Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag, 11. Mai bis 31. August 1977 auf der Wartburg, hg. von der Wartburg-Stiftung Eisenach, Eisenach 1977, 9, 68, 88.
    • Hartmut Mai: Der Kirchenbau des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in Thüringen, in: “Laudate Dominum”. Achtzehn Beiträge zur thüringischen Kirchengeschichte. Festgabe zum 70. Geburtstag von Landesbischof D. Ingo Braecklein (Thüringer kirchliche Studien 3), Berlin 1976, 183-204.
    • Mitgliedernachrichten, in: DABregional (Thüringen) 2015, 5, 55.
    • Archivalien, Presseausschnitte und Informationen aus: Evangelisches Pfarrarchiv Weimar-Schöndorf, Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, Wolfgang Lukassek.
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.
Text: Julius Reinsberg M. A., Offenbach am Main/Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald

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