Wiesbaden

Ev. Lutherkirche

Anschrift Kirche
Mosbacher Str. 2
65187 Wiesbaden
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    Anschrift Pfarramt Gemeindebüro
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    Kirchen in Deutschlands Mitte

Ein großer Schirm

Wie brachte man kurz nach 1900 Räume für Liturgie, Musik und Gemeindeleben auf einem kleinen Innenstadtgrundstück zusammen? Der Architekt Friedrich Pützer hatte mit seinem Neubau ein schweres Erbe anzutreten. Stand doch das liturgische Programm der unmittelbar benachbarten Ringkirche seit gut 20 Jahren stellvertretend für das ausgeprägte Innovationsbewusstsein der evangelischen Kirche. Mit viel Gefühl für die Innen- und Außenwirkung des Bauwerks gelang es Pützer, auch die Lutherkirche als liturgisches Schwergewicht ihrer Zeit zu gestalten. Eine frühe Form des modernen Gemeindezentrums unter einem riesigen Dach, das von einem sich in alle Richtungen ausdehnenden Kirchenschiff selbstbewusst getragen wird.

  • Überblick
    Ort
    Wiesbaden

    Landeskirche
    Evangelische Kirche in Hessen und Nassau


    Name der Kirche
    Ev. Lutherkirche

    Einweihung
    1911 (8. Januar)

    Architekt
    Friedrich Pützer

    Künstler
    Rudolf und Otto Linnemann, Ernst Riegel, Augusto Varnesi
    Besonderheit
    Die Lutherkirche besticht raumgestalterisch als wunderbar erhaltenes Gesamtkunstwerk ihrer Erbauungszeit. Der ellipsoide Grundriss nimmt Entwicklungen der 1920er Jahre im ev. Kirchenbau vorweg.

    Nutzung
    Gemeindekirche der ev. Lutherkirchengemeinde Wiesbaden

    Standort / Städtebau
    Das Bauensemble der Lutherkirche (Kirche und Gemeinderäume unter einem Dach + 2 angrenzende Pfarrhäuser) erhebt sich zwischen der kurvig verlaufenden Sartoriusstraße und der Moosbacherstraße.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Grundriss

    Der Bau ist der Straßenlage angepasst längs einer Nord-Südachse orientiert, wobei sich der Haupteingang nordwestlich an den Glockenturm auf quadratischem Grundriss anschmiegt. Mittig an der Westflanke ist ein zweiter Zugang eingelassen. Die ellipsoide Grundform des Kirchenraums ist an den Längsseiten polygonal mehrfach geknickt. An den Schmalseiten wird der Raum longitudinal von einem Anbau für kirchliche Nutzräume sowie gegenüberliegend durch die vorgelagerte Vorhalle nebst Taufnische erweitert. Die Taufnische verweist zusammen mit dem dreiteilig aufgestellten, im Mittelblock fächerförmig und in den Seitenblöcken diagonal angeordnetem Kirchengestühl auf die achsiale Fokussierung des Raums Richtung Prinzipalstücke. Diese finden sich im nördlichen Brennpunkt der Ellipse mit halbrund in den Gemeinderaum einschwingender Altarinsel. Drei Treppentürme auf kreisförmigem Grundriss flankieren gemeinsam mit dem Glockenturm den Hauptraum an den vier Ecken zwischen Vorhalle bzw. Sakristeianbau und Kirchenschiff. Südlich schließen sich querriegelartig zwei Pfarrhäuser an. Insgesamt weist der Entwurf eine komplexe und doch überschaubare Grundstruktur der Anlage auf.

     

    Außenbau

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Außenbau | Foto: ev. Lutherkirchengemeinde Wiesbaden

    Der hell verputzte Bau mit dunklen Schieferdächern erhebt sich auf einem dreiseitig vom Straßenverlauf eingegrenzten, gen Westen ansteigenden Grundstück. Den Berg heraufkommend, fällt der Blick auf die von monumentalen Lisenen und zwei strebepfeilerartigen Wandvorsprüngen rhythmisierte Flanke des Kirchenschiffs. Es wird von einem niedrigen Arkadengang und zwei runden Treppentürmchen gerahmt. Gemeinsam mit den Turmhelmen scheint das mit einer Vielzahl kleiner Gauben gespickte Kirchendach das Emporstreben des Bauwerks fortzusetzen. Nordwestlich hinter dem Dach ragt der kantige, lisenengegliederte Glockenturm auf. Nördlich ist die etwas niedriger gehaltene Vorhalle angefügt. Die dort, abweichend zum weiteren Bau, steinsichtige Einfassung der Fenster und der erkerartige Vorsprung in der Vertikalachse vermitteln den Eindruck einer Bürgerhausfassade. Die Schiefereindeckung des Dachs setzt sich in die oberen Turmgeschossen und den Giebelseiten der Vorhalle fort. Kontrastierende Farbigkeit, sich wiederholende Gliederungselemente und der geschickte Wechsel von Proportionen fassen die verschiedenartigen Bauteile zu einem prägnanten Gesamteindruck zusammen. Aus der Vogelperspektive würde man zudem erkennen, dass die unterschiedlich hohen Firste der Vorhalle und des rückwärtigen Anbaus eine imaginäre Linie bilden, über die sich schirmartig zwischen den vier Türmen das alle Elemente verbindende Hauptdach aufspannt. Die beiden südlich bzw. südöstlich quer angelagerten, baulich angebundenen Pfarrhäuser nehmen sich gegenüber dem monumentalen Kirchengebäude als bescheidene Anbauten aus, die für den Komplex kaum eine relevante Bedeutung darstellen. Weder wird ein Vorplatz noch der Eindruck einer bewusst gruppierten Anlage ausgewiesen. Alle für das Gemeindeleben relevanten Räume sind unter dem monumentalen Dach des Hauptgebäudes untergebracht.

     

    Innenraum

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Innenraum | Foto: Axel Sawert, ev. Lutherkirchengemeinde Wiesbaden

    Nach Erklimmen des mehrstufig erhöht liegenden Hauptportals betritt man zunächst die großzügige Vorhalle, in der der Blick von der vergoldeten Nische für den Taufstein angezogen wird. Ein längsovales Fensterchen beleuchtet diese. Gegenüber Taufnische betritt man den Kirchensaal durch zwei Portale unter der umlaufenden, hölzernen Empore. An der Südseite senkt sich diese unter einem monumentalen Rundbogen beidseitig als Treppenaufgang ab. In dessen Kreuzungspunkt ist eine ebenfalls hölzerne Kanzel mit gegenläufigen Treppenaufgängen angebracht. In der sich dahinter öffnenden Rundbogennische mit flacher Rückwand erhebt sich ein monumentaler Orgelprospekt nebst vorgelagerter Sängerbühne, während davor ein schlichter Marmoraltar auf einer zweistufig erhöhten, halbrund in den Kirchenraum einschwingenden Altarinsel aufgestellt ist. Schirmartig spannt sich ein in drei Joche unterteiltes und von Diagonalrippen durchzogenes Kreuzrippengewölbe über den monumental ausladenden Raum. Die Empore nimmt die polygonalen Knicke der Außenwände nur teilweise auf. Zwei eingezogene, im Emporenbereich durchbrochene Wandpfeiler unterteilen die Seitenwände in je drei große Rundbogennischen, die wiederum von hohen Rundbogenfenstern durchbrochen sind – je zwei in den seitlichen und je drei in der mittigen Nische. Die hölzerne Brüstung scheint optisch mit dem längs angeordneten Emporengestühl und der Vertäfelung der Kirchenschiffwände unterhalb der Empore zu verschmelzen. Die hölzerne Fassung beider Orgelprospekte an Nord- und Südende des Raums als auch die Kirchenbänke sind farblich darauf abgestimmt, so dass der Raumeindruck wesentlich vom Material Holz bestimmt wird. Ergänzt wird die Raumgestaltung durch die Farbfassung der oberen Wand- und Gewölbezone in sattem Rot, Grün und warmem Goldgelb.

  • Liturgie und Raum

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Bild | Foto: Friedrich Windolf, ev. Lutherkirchengemeinde Wiesbaden

    Die achsiale Ausrichtung des zentralisierend angelegten, d. h. möglichst alle liturgischen Bereiche zusammenführenden Saalraums bildet den roten Faden des Gesamtkonzepts. Orgel, Sängertribüne, Treppenkanzel und Altartisch sind vor bzw. in einer monumentalen Rundbogennische zusammengefasst. Der Ursprung dieses liturgischen Raumprogramms ist in dem Konzept Emil Veesenmayers (1857-1944), des Pfarrers der benachbarten Ringkirchengemeinde, zu suchen. Pützers Entwurf aber auf Veesenmayers Wiesbadener Programm von 1891 zu reduzieren, wäre zu kurz gefasst und würde 20 Jahre liturgische wie raumästhetische Entwicklung ausblenden. Der Architekt verdichtete in Zusammenarbeit mit dem raumgestalterisch talentierten Bildhauer Augusto Varnesi (1866-1941) den Altarbereich sowohl im Sinne Veesenmeyers, als auch der Straßburger Theologen Friedrich Spitta und Julius Smend zu einem liturgischen Brennpunkt. Vor den Türen des Gottesdienstraumes (außerhalb der imaginären Ellipse) steht diesem die aufwändig gestaltete Taufnische gegenüber.
    Bemerkenswert ist die durchgehend hölzerne Fassung des unteren Teils des Innenraums, welche diesen weitestgehend von Nachfolgebauten der Ringkirche mit massiv steinernen Einbauten unterscheidet. Der nahtlose Übergang der Treppenkanzel in die Empore schafft einen starken Eindruck der Zusammengehörigkeit. Die Weiterentwicklung des evangelischen Kirchengebäudes zu einem Komplex aus Nutzräumen und liturgischen Bereichen ist für jene Jahre typisch, weist jedoch ebenfalls weit über das ‚Wiesbadener Programm‘ hinaus und wurde von Pützer unter Beibehaltung eines ausgeprägt sakralen Grundzugs des Gesamtkomplexes realisiert.

  • Ausstattung

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Bild | Foto: ev. Lutherkirchengemeinde Wiesbaden

    Pützer entwarf die Innenraumgestaltung in enger Zusammenarbeit mit Varnesi und dem Goldschmied Ernst Riegel (1871-1939). Maßgeblich beteiligt waren zudem die Raumgestalter bzw. Glasmaler Rudolf (1874-1916) und Otto (1876-1961) Linnemann. Ein besonderes Interesse galt Pützer und Varnesi, seinem Kollegen an der TU Darmstadt, den liturgischen Orten. Varnesi gestaltete den Altar, die Taufnische sowie die plastischen Details und Mosaike des Haupteingangs. Den blockhaften Marmoraltar schmückt eine vergoldete Plakette mit stilisierter Darstellung eines Krugs, Weinranken und eines Kreuzes. Riegel fertigte neben Altargerät, Deckenleuchtern und dem Altarkreuz auch das vergoldete Gitter der Taufnische.
    Den Gebrüder Linnemann ist sowohl das Fensterprogramm als auch die aufwändige Ausmalung des Kirchenraums zu verdanken, ebenso das ovale Scheitelfenster der Taufnische, in das eine von Blüten umrankte Taube eingebettet ist. Die in ihrer starken Farbigkeit abstrakt-fremdartig anmutende Ausmalung des Hauptraums weist neben stilisierten Weinreben und Kreuzmotiven auch Blüten- und Laubdetails auf.
    Die nach dem Krieg zunächst überputzte Ausmalung wurde zwischen 1987 und 1992 wiederhergestellt. Durch glückliche Umstände verfügt die Lutherkirche seit den 1970er Jahren über zwei Orgeln – die ursprüngliche, heute restaurierte Walcker-Orgel über der Kanzel und eine neu angeschaffte Klais-Orgel über dem Eingang. Dank der guten Akustik des Raums sowie eines eigenen Bachsaals über der Vorhalle stellt die Lutherkirche heute eines von fünf kirchenmusikalischen Zentren der Landeskirche dar.

  • Von der Idee zum Bau

    Wiesbaden | Ev. Lutherkirche | Bild | Foto: Historische Postkarte, Stadtarchiv Wiesbaden

    Die Lutherkirchengemeinde wurde nach längeren Vorplanungen 1908 von der unmittelbar benachbarten Ringkirchengemeinde abgeteilt. Bereits 1905 hatte sich Friedrich Pützer in einem ausgeschriebenen Wettbewerb mit seinem Entwurf gegen Otto March als auch Johannes Otzen durchsetzen können. Die Grundsteinlegung erfolgte im November 1908. 14 Monate später konnte der Neubau geweiht werden. Noch ganz im Zeichen des ‘malerischen Baustils‘ der Jahrhundertwende setzt sich das Gebäude aus einer Vielzahl von Einzelelementen zusammen, die durch Asymmetrien, Proportionswechsel und eine beruhigte Wandflächengestaltung gefällig aufeinander abgestimmt sind. Als fortschrittlich zu bezeichnen ist vor allem die Lösung von Dekorformen des Historismus. Für die ellipsoide Grundrissstruktur ist kaum ein Vorbild aus jenen Jahren zu nennen. Vielmehr darf sie als Zeichen einer reflektierten Auseinandersetzung mit Raumkonzepten des Barocks und seiner Raumdynamiken gelten. Dass der Architekt den Raum dennoch mit einem üppig ausgemalten Kreuzrippengewölbe überspannte, ist somit wohl als Kaschierung eines allzu barocken Raumeindrucks zu deuten. Hervorzuheben ist die aufwändige Eisenkonstruktion des riesigen Dachstuhls, der keine weiteren Nutzräume beherbergt, sondern in erster Linie die signifikante Erscheinung des Bauwerks bestimmt.

  • Der Architekt

    Düsseldorf-Benrath | Ev. Dankeskirche | 1914-1915 | Friedrich Pützer

    Friedrich Pützer (1871-1922), studierte 1889-1894 bei Karl Friedrich Wilhelm Henrici und Georg Frentzen an der TH Aachen, seinem Geburtsort. Nach ersten Lehrtätigkeiten und Habilitation (1898) an der TH Darmstadt erhielt Pützer 1902 dort eine Professur u.a. für Städtebau, Baustilkunde und Kirchliche Baukunst. 1918/19 wurde er zum Direktor der TH Darmstadt ernannt. Neben Privathäusern und kommunalen Bauten ist Pützers Arbeit wesentlich von herausragenden Siedlungsplanungen geprägt. Obgleich er somit nicht als reiner Kirchenbaumeister zu gelten hat, umfasst Pützers Werk neben gut 20 religiösen Neubauten diverse Umgestaltungen und Erweiterungsbauten, v.a. im evangelischen Bereich. Ungeachtet seiner Zugehörigkeit zur katholischen Konfession wurde er 1908 zum Kirchenbaumeister der Ev. Landeskirche Hessen ernannt. Die Lutherkirche in Wiesbaden ist in künstlerischen Zusammenhang mit der ev. Pauluskirche (1905-1907) in Darmstadt und der Lutherkirche (1910-1912) in Worms zu sehen, da Pützer in allen drei Fällen eng mit Augusto Varnesi und Ernst Riegel zusammenarbeitete. Alle drei Bauten dürfen im Kontext der Kunstgewerbereformbewegung, als deren frühes Zentrum Darmstadt zu gelten hat, als raumgestalterische Gesamtkunstwerke betrachtet werden. Riegel war seit 1908 Mitglied des Deutschen Werkbunds. Es ist anzunehmen, dass auch Pützer Mitglied war, da er 1914 den ev. Ausstellungsraum der Großen Werkbundschau in Köln gestaltete. In jene Jahre fällt ebenfalls die Gestaltung der Düsseldorf-Benrather Dankeskirche als einer der letzten großen Kirchbauten Pützers, der bereits 1922 in Darmstadt verstarb. Sein Grabmal auf dem Darmstädter Waldfriedhof gestaltete Varnesi.

  • Literatur (Auswahl)
    • Gerlinde Gehrig: Friedrich Pützer und der Reformkirchenbau in Darmstadt, in: Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde. Neue Folge, Bd. 73, 2015, 349–380.
    • Hermann Otto Geißler: Die Lutherkirche in Wiesbaden, München, Regensburg 1993.
    • Peter Genz: Das Wiesbadener Programm. Johannes Otzen und die Geschichte eines Kirchenbautyps zwischen 1891 und 1930, Kiel 2011, 90-92.
    • Manfred Gerber, Friedrich Windolf: Ein‘ feste Burg ist unser Gott. Die Wiesbadener Lutherkirche – ein Juwel des Jugendstils, FfM 2011.
    • Manfred Gerber: Lutherkirche Wiesbaden, in: Wiesbadener Kurier online vom 27.08.2016 (Abruf: 101219).
    • Annegret Holtmann-Mares, Mariane Viefhaus: Friedrich Pützer, in: Stadtlexikon Darmstadt (Abruf: 101219).
    • Landesmuseum Mainz: Friedrich Pützer: Bauten und Projekte (Abruf: 101219).
    • Fritz Reuter: Aus katholischer Hand: evangelischer Kirchenbau im Grossherzogtum Hessen zu Beginn des 20. Jahrhunderts; Friedrich Pützer, Augusto Varnesi und Ernst Riegel, in: Der Wormsgau, 26.2008, 75-110.

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.

Text: Dr. Manuela Klauser, Siegertsbrunn (online seit 12/2019)

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