Wiesbaden

St. Mauritius

Anschrift Kirche
Abeggstraße 37
65193 Wiesbaden
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche Zur Webseite
    Krypta: 8.00 - 16.00 Uhr
    Öffnungszeiten der Oberkirche bitte beim Pfarramt erfragen!
    Anschrift Pfarramt Katholische Pfarrei St. Bonifatius - Kirchort St. Mauritius
    Abeggstr. 37
    65193 Wiesbaden
    0611 34189600
    E-Mail
    Zur Webseite
    Öffnungszeiten Pfarramt FR: 08.00 - 11.00 Uhr
    Gottesdienstzeiten Kirche Die aktuellen Gottesdienstzeiten können online eingesehen werden unter: www.bonifatius-wiesbaden.de/gottesdienste.
    Kirchen in Deutschlands Mitte

Strahlend hell

Ganz in Weiß, eine helle, strahlende Plastik, die sich an den Hang schmiegt. Ein Kirchenraum oberhalb von Gemeinderäumen. Treppen und Wege aufsteigend zum Vorplatz der Kirche, überragt von einem frei stehenden Turm, der den Zugang zu St. Mauritius markiert. Der Bau, der den Namen des Wiesbadener Stadtpatrons trägt, findet sich nicht am gleichnamigen Platz im Zentrum der Stadt. Dort wurde 1850 die alte Mauritiuskirche durch einen Brand zerstört. Nach fast 120 Jahren erhielt Wiesbaden einen neuen Ort der Mauritiusverehrung. Ohne ein Architekturzitat kommt die nun im Villengebiet liegende Kirche aus und nimmt doch die Tradition auf. Ganz in Dyckerhoff WEISS – einem hellen Zement, den Walter Dyckerhoff ab 1931 von Wiesbaden aus international bekannt gemacht hatte – entstand einer der eigenwilligsten Kirchenbauten Wiesbadens: eine gelungene Verbindung architektonischer und bildhauerischer Gestaltung.

  • Überblick
    Ort
    Wiesbaden

    Bistum
    Bistum Limburg

    Name der Kirche
    St. Mauritius

    Weihe
    1968 (29. September, Oberkirche)

    Architekten
    Martin Braunstorfinger, Jürgen Jüchser, Peter Ressel

    Künstler
    Otto Herbert Hajek, Werner Kump, Hans-Georg Schleifer
    Besonderheit
    Der funktional und künstlerisch anspruchsvolle Bau aus weißem Sichtbeton (Wiesbadener "Dykerhoff WEISS") verbindet organisch Gemeindezentrum und Kirchenraum.

    Nutzung
    Pfarrkirche und Gemeindezentrum der katholischen Pfarrei St. Bonifatius, Kirchort Sonnenberg

    Standort / Städtebau
    Im Norden der Stadt, im Villengebiet "Schöne Aussicht" – zwischen alten Villen, modernen Bungalows und einer neuen Wohnsiedlung – entstand in der Abeggstraße ein breit gelagerter Komplex aus hoch aufragendem Kirchengebäude und niedrigerem Gemeindezentrum.

  • Beschreibung

    Grundriss

     

    Wiesbaden | St. Mauritius | Grundriss

    Auf dem Hanggrundstück sind zwei Gebäudeteile auf L-förmigem Grundriss miteinander verbunden. Das niedriger gelegene Gemeindezentrum schließt einen kleinen vorgelagerten Hof ein. Diagonal zum Eingang der höher gelegenen Kirche findet sich ebenfalls ein Vorplatz, der Abstand zur Straße schafft. Die Kirche ruht auf einer längsrechteckigen Grundfläche mit westlichem Eingang. Am östlichen Ende erhebt sich auf einem polygonalen Unterbau die um zwei Stufen erhöhte, rechteckige Altarinsel. Die Rückwand dahinter zeigt im Grundriss einen im Aufgehenden kaum wahrnehmbaren Knick. Im Nordosten schließen sich L-förmig der Seitenchor mit dem Zugang zur Krypta und die Sakristei an. Diese werden nach Nordosten durch die Räume des Pfarrhauses erweitert.

     

    Außenbau

     

    Wiesbaden | St. Mauritius | Außenbau | Foto: Benjamin Dahlhoff

    Der 20 Meter hohe, freistehende Turm mit asymmetrischer Spitze überragt die Eingangsfront von St. Mauritius beachtlich. Er ist durch eine hohe Mauer mit der Fassade der Kirche verbunden. So bildet er den Auftakt zur Kirche. Beim Turm ist die Mauer durch vier hochrechteckige Schlitze durchbrochen und an der Fassade bildet sie die Nordseite der Eingangshalle. Der Eingang ist durch ein vorkragendes Dach und seine seitlichen Einfassungen wie in einer Art Portalvorhalle geschützt. Mit ihrer klaren Sichtbetonkonstruktion von charakteristischem Weiß und wenigen Fensteröffnungen wirkt die Kirche wie ein in sich geschlossener, quaderförmiger Monolith. Ein Walmdach, das über dem Altar auf eine Höhe von 12 Meter ansteigt, bekrönt den schlichten Saal. Die sonst zurückhaltende Gestaltung am Außenbau wird durch geometrische Hochreliefs aus Beton gegliedert. Außerdem setzt über dem Eingang im Westen ein mit farbigen Gläsern gefülltes Lichtband ein, das sich von dort aus auf die Südfassade zieht und nach Osten immer höher wird. Damit ist die Altarstelle im Inneren der Kirche auch am Außenbau gekennzeichnet.

     

    Innenraum

     

    Wiesbaden | St. Mauritius | Innenraum | Foto: Benjamin Dahlhoff

    Klare Farbe und Geometrie prägen den Innenraum von St. Mauritius: Bestimmendes Hauptmaterial ist auch im Inneren der weiße Sichtbeton, der an wenigen Stellen durch gelbe Farbigkeit akzentuiert wird. Bei Sonnenlicht wird die nüchterne, von Weiß und Gelb geprägte Raumwirkung durch ein starkes Blau, Orange, Rot farblich aufgebrochen. Die Gliederungen und Schmuckformen des Kirchenraums wiederholen immer wieder die gleichen Formen: Unterschiedlich große Drei- und Vierecke bilden Wandreliefs, aber auch den Dekor von Tabernakel und Altar.

  • Liturgie und Raum

    Wiesbaden | St. Mauritius | Altarraum | Foto: Benjamin Dahlhoff

    St. Mauritius ist eine klassische Wegekirche, die den Raum auf das liturgische Zentrum hin ausrichtet. Wie der Außenbau ist auch der Innenraum durch die plastische Gestaltung des Bildhauers und Malers Otto Herbert Hajek (1927-2005) geprägt. Nach Hajek habe jeder Mensch ein Grundrecht auf Kunst. Er wollte hier mit der einheitlichen Gestaltung von Architektur und Plastik ohne Hierarchisierung einen demokratischen und gerechten Raum zur Feier der Liturgie schaffen, der zugleich etwas ahnen lässt von Hajeks “Mut zur Festlichkeit” (M. Seckler). Das zentrale Hochrelief der Altarwand zeigt farblich zweigeteilt in Weiß und Gelb ein Zeichensystem aus teils aufeinander abzielenden Querpfeilen, das in seinem Inneren eine Kreuzform ausbildet. Die Zeichen können als Wegweiser gelesen werden: Die Hauptachse des Raums nimmt hier ihren Anfang, alles beginnt mit dem Kreuz. Sowohl die schräg gestellten Bankreihen als auch die schräg die Wände gliedernden Betonträger der Dachkonstruktion bilden diagonale Achsen – und markieren so die Raummitte. Das Kreuz ist der Zielpunkt zu dem hin sich die Gemeinde versammelt. Zugleich sind die Mitfeiernden aber auch einander zugewandt.

  • Ausstattung

    Wiesbaden | St. Mauritius | Altarraum | Foto: Benjamin Dahlhoff

    Die Ausstattung unterliegt dem Konzept des Bildhauers Otto Herbert Hajek, der auch die Reliefs im Inneren und am Außenbau der Kirche entworfen hat. In der Mitte der zweistufigen Altarinsel befindet sich ein schlichter Altar aus poliertem, grauen Marmor. Hinter diesem stehen auf segmentbogiger Linie fünf hohe Kerzenleuchter. Der Ambo rückt in die Nähe der Gemeinde in die nordwestliche Ecke der Altarinsel und bildet einen Block mit einem Lesepult. Der Tabernakel im Süden der Altarinsel besteht aus drei Teilen: Ein U-förmiger Sockel trägt die auf einer Seite offene, rechteckige Rahmung, die wie ein Gehäuse den diagonal eingehängten würfelförmigen Tabernakel einfasst.

    Die Scheiben des Betonglasfensters von Hans-Georg Schleifer sind nach innen gerückt, so dass sie innen bündig mit der Wand schließen. Am Außenbau dagegen treten die Dalleglas-Scheiben in den Hintergrund, so dass ein monumentales Relief aus vor- und zurücktretenden Betonstäben entsteht. Schleifer hob durch die Verteilung der farbigen Scheiben die strenge Rechtwinkligkeit Hajeks auf. An weiteren Ausstattungsstücken sind zu nennen: das bronzene Eingangsportal von Werner Kump, das Bezug nimmt auf das Martyrium des Hl. Mauritius, sowie einige Spolien der alten Mauritiuskirche wie deren Grundstein.

  • Von der Idee zum Bau

    Wiesbaden | St. Mauritius | Krypta | Foto: Benjamin Dahlhoff

    Ende der 1950er Jahre erreichte die Zahl der Einwohner Wiesbadens fast 250.000. Trotz der geringen Kriegszerstörung herrschte Wohnungsnot. Im Norden der evangelisch geprägten Stadt wurde 1955 eine neue katholische Gemeinde gegründet: St. Mauritius – ein Patronat von sehr langer Tradition, war doch die Hauptkirche der Stadt seit dem 9. Jahrhundert diesem Heiligen geweiht. Am 6. Mai 1956 entstand ein Kirchenbauverein, der für den Baugrund sorgte, der im Nordosten des historischen Villengebiets “Schöne Aussicht” gelegen ist. Der Architekt Martin Braunstorfinger ging 1958 als Sieger eines teilweise eingeschränkten Wettbewerbs hervor. Nach seinem Entwurf wurden in den folgenden Jahren in zwei großen Bauabschnitten zunächst das Gemeindezentrum und die Unterkirche (Grundsteinlegung 29. Mai 1959, Weihe 23. April 1961) und dann die Kirche selbst (Baubeginn 1967, Weihe 29. September 1968) errichtet.

  • Die Architekten Martin Braunstorfinger, Jürgen Jüchser und Peter Ressel

    Wiesbaden | St. Mauritius | Wanddetail | Foto: Benjamin Dahlhoff

    1945 gründete Martin Braunstorfinger (* 1889), der in den 1930er Jahren in Berlin neben Wohnbauten bereits ein Kloster und drei Kirchen gebaut hatte, sein Architekturbüro in Wiesbaden. Ab 1964 leitete er es unter dem Namen Planungsring Wiesbaden gemeinsam mit Jürgen Jüchser (* 1929), der Ende der 1950er Jahre als Mitarbeiter im Büro Hans Scharoun bei Planung und Bau der Berliner Philharmonie beteiligt war. 1966 trat Peter Ressel (* 1939) dem Büro bei, dessen Familie bis heute das Büro weiterführt.

    Braunstorfinger hatte in Wiesbaden die 1956 geweihte Kirche “Heilige Familie” entworfen und zwei Jahre später den Wettbewerb für St. Mauritius für sich entschieden. Ausschlaggebend war die – aus der Hanglage entwickelte – räumliche und funktionale Trennung von Gemeindezentrum und Kirche. Prägend für St. Mauritius wurde die Zusammenarbeit mit dem Bildhauer Otto Herbert Hajek (1927-2005). Sein Werk setzt abstrakt die Idee einer Bewegung um, die aus verschiedenen Richtungen dynamisch ausgeht und in einer gemeinsamen Form eingefangen wird. Wenn auch Hajek an über 30 Kirchen mitgewirkt hat, so bildet dies doch nur einen kleinen Teil seines umfangreichen Werks.

  • Literatur (Auswahl)
    • Gerhard Bott: Otto Herbert Hajek, Werke und Dokumente, in: MonatsAnzeiger, Museen und Ausstellungen in Nürnberg 78, 1987, 605 f.
    • Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen II. Regierungsbezirk Darmstadt, München/Berlin 2008.
    • Chris Gerbing: Leuchtende Wände in Beton, Regensburg 2013, 50-54.
    • Christian Köhler (Hg.): Mauritiuskirchen in deutschen Landen, Hildesheim 1986.
    • Yvonne Monsees/Rüdiger Fuchs (Hg.): Die Inschriften der Stadt Wiesbaden 51, Mainzer Reihe 7, Wiesbaden 2000.
    • Anuschka Plattner-Koss: Otto Herbert Hajek. Konzeptionen der Raumgestaltung, Werkverzeichnis, Diss., Heidelberg, 2000.
    • Anselm Peter Riedl: Otto Herbert Hajeks Position in der Gegenwartskunst, in: O. H. Hajek, Eine Welt der Zeichen, hg. von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland/Eugen Gomringer, Bonn 2000, 21-26.
    • St. Mauritius. 29. September 1968, Weiheschrift, hg. von der Sankt-Mauritius-Gemeinde, Wiesbaden 1968.
    • Stefan G. Wolf: Kirchen in Wiesbaden. Gotteshäuser und religiöses Leben in Geschichte und Gegenwart, Wiesbaden 1997, 51 f.
    • Internetauftritt der Planungsring Ressel GmbH (früher: Planungsring Wiesbaden): www.planungsring-ressel.de.

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.

Text: Agnes Cibura M. A., Wiesbaden (online seit 09/2018)

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