Wolfsburg

Hl. Geist

Anschrift Kirche
Röntgenstraße 81
38440 Wolfsburg
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche MO - SO: 9.00 - 18.00 Uhr
    Anschrift Pfarramt Evangelisch-Lutherische Lukas-Kirchengemeinde, Standort Kreuz
    Laagbergstraße 48
    38440 Wolfsburg
    05361 32013 oder31599
    E-Mail
    Zur Webseite
    Öffnungszeiten Pfarramt MO: 12.00 - 15.00 Uhr
    DI, MI: 14.30 - 18.00 Uhr
    DO, FR: 9.00 - 12.00 Uhr
    Kirchen im Norden

Viel Idee auf kleinem Raum

Es gehört zu den Gründungslegenden von Hl. Geist, dass die große Bauidee auf einer kleinen Serviette Platz fand. Bei einem Treffen mit Gemeindevertretern soll der finnische Stararchitekt Alvar Aalto darauf 1960 den unverwechselbaren Querschnitt der zu planenden Kirche eingefangen haben: eine Geste wie eine Woge, die sich vom Altarraum zur Gemeinde hin öffnet oder diese zum liturgischen Geschehen hin sammelt. Ein starkes architektonisches Bild, das Aalto selbst betont nüchtern erklärte (Akustik!), Theologen nur allzu gerne symbolisch abtasten (Gottes bergende Hand?) und Besucher schlicht freudig bestaunen. Besagte Serviette hat leider niemand aufgehoben. Doch bewahrte die Gemeinde eine außergewöhnliche Kirche – als einen von sechs kostbaren Alto-Bauten in Deutschland.

  • Überblick
    Ort
    Wolfsburg

    Landeskirche
    Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers


    Name der Kirche
    Hl. Geist

    Einweihung
    1962 (6. Juni)

    Architekt
    Alvar Aalto
    Besonderheit
    Hl. Geist ist die erste von insgesamt nur zwei Kirchen, die der finnische Stararchitekt Alvar Aalto in Deutschland verwirklichte – und für die er sein Motiv der geschwungenen Decke zur ausdrucksstarken Geste steigerte.

    Nutzung
    Gemeindekirche (seit 2015 zur Lukas-Gemeinde gehörig)

    Standort / Städtebau
    Hl. Geist liegt auf dem höchsten Punkt der Wohnsiedlung Klieversberg, die durch eine lockere durchgrünte Zeilenbebauung der Nachkriegszeit geprägt wird. Hier umfängt das kirchliche Ensemble mit Glockenturm einen zur Röntgenstraße hin offenen Hof.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Wolfsburg | Hl. Geist | Grundriss

    An der stark befahrenen Röntgenstraße, die den Stadtteil Klieversberg von Westen nach Osten erschließt, markiert der schlanke, aus zwei parallel gesetzten Wandscheiben gefügte Glockenträger sowohl den kirchlichen Standort als auch den Übergang zum Pfarrhof. Dieser wird von einem vielgliedrigen Gemeindezentrum umfangen: Das langgestreckte quaderförmige Mitarbeiterhaus schließt den Platz nach Süden ab. Die drei übrigen Bauteile – die Kirche im Osten, das Gemeindehaus im Westen und der nach Südwesten abgerückte Kindergarten – erheben sich jeweils auf einem fächerförmigen Grundriss.

    Außenbau


    Wolfsburg | Hl. Geist | Außenbau | Foto: Florian Monheim

    Die aus Beton und Ziegel gefügten, weiß gefassten Bauten des Ensembles bilden eine lockere Gruppe mit vielfältigen Wegebeziehungen und Durchblicken in die umgebende Landschaft. Zum Pfarrhof hin öffnet sich die Westfassade der Kirche über dem niedrigeren vorspringenden Windfang mit einer großen Klarglasfläche. Auch die der Straße zugewandte Südseite wird von hochliegenden Fenstern durchbrochen. Den Kirchenbau überfängt ein flaches Kupferdach, das von seinem höchsten Punkt im Westen mit sanftem Schwung an der den Altarraum beschließenden Ostwand bis zum Boden heruntergezogen wird. Der Taufort im Inneren wird nach außen durch eine Laterne ausgezeichnet.

    Innenraum


    Wolfsburg | Hl. Geist | Innenraum | Foto: Florian Monheim

    Von Westen eintretend, verjüngt sich der weiß gefasste Kirchenraum nach Osten, zum Altarraum hin. Dieser wird von einem aus der Mittelachse nach links gerückten Gang zwischen asymmetrisch geordneten Bankblöcken erschlossen. Im Altarraum, der um drei Stufen erhöht ist, sind die Kanzel (links), der marmorne Altar (Mitte) und der marmorne Taufstein (rechts) aufgereiht. Von Osten aufsteigend, überfängt den gesamten Raum besagte “Welle”, eine gebogene Deckenschalung aus Oregon-Pine, die vier weiß gefasste Binder strahlenförmig gliedern. Der Taufstein wird von einer Nische wie von einer Kapelle umschlossen und von einem Oberlicht betont. An der fensterlosen Südwand ist dem Kirchenraum eine schmale Empore mit Orgel zur Seite gestellt.


  • Liturgie und Raum

    Wolfsburg | Hl. Geist | Taufstein | Foto: Florian Monheim

    Noch mit der 1929 eingeweihten Kirche in Muurame zeigte sich Alvar Aalto im skandinavischen (Neo-)Klassizismus verwurzelt. Nach dem Krieg jedoch reüssierte er 1958 mit “Zu den drei Kreuzen” in Vuoksenniska international als Kirchenbauer mit einer eigenständigen modernen Formensprache. Die vom Altarraum aus aufsteigende Dachform hatte Aalto im selben Jahr auch als “Idealentwurf” für einen finnischen Sakralbauwettbewerb eingereicht. In Wolfsburg findet sich dieses Motiv gleich bei mehreren Aalto-Bauten: beim profanen Kulturhaus, beim Gemeindehaus und bei der Kirche von Hl. Kreuz. Im Gottesdienstraum bekommt diese von Aalto akustisch begründete architektonische Geste jedoch eine weitere Deutungsebene: Sie vermittelt das Geschehen im Altarraum zur Gemeinde und bezieht diese wieder darauf zurück.

    Aalto beschrieb seine architektonische Grundhaltung 1968 als Suchbewegung zwischen den zwei Extremen seiner Berufskollegen: einem erstarrten Funktionalismus und einem effekthascherischen Eklektizismus. Stattdessen solle der Mensch in all seiner Verschiedenheit im Mittelpunkt zu stehen. So hat Aalto jeden Entwurf bis ins Detail als Gesamtkunstwerk durchgeformt. In Wolfsburg ging er, im engen Dialog mit dem damaligen Gemeindepfarrer Erich Bammel, noch einen Schritt weiter: In einer modernen Deutung der “Rummelsberger Grundsätze”, des damals vorherrschenden protestantischen Kirchbauprogramms von 1951, setzte er nicht nur Altar und Taufstein in eine sensible Balance als Rahmung des Altars ein. Er rückte auch den Mittelgang aus der Achse und vermied so eine einseitige Symmetrie bzw. Hierarchisierung des Raums.

  • Ausstattung

    Wolfsburg | Hl. Geist | Altarkreuz | Foto: Florian Monheim

    Auch bei der Hl. Geist-Kirche folgte Aalto seinem Anspruch, ein bis ins Detail aus seiner Hand durchgestaltetes Gesamtkunstwerk zu schaffen. Die Entwürfe für die in Marmor ausgeführten Prinzipalstücke kamen aus dem Büro Aalto, die Antependien (gefertigt in der Paramentenwerkstatt von Kloster Marienberg/Helmstedt) gestaltete Elissa Aalto, die berufliche wie private Partnerin des Architekten. Für das Hängekreuz (1965) fragte man zunächst den Braunschweiger Künstler Jürgen Weber, der den Auftrag an seinen Schüler Karl-Henning Seemann weiterreichte. Zur Einweihung wurde ein kleiner hölzerner spätgotischer Corpus erworben und in der “Taufkapelle” angebracht. 1965 kam die rechts des Gemeinderaums installierte Orgel hinzu. 1992 ergänzte man einen marmornen Osterleuchter aus der Werkstatt des Wiener Künstlers Paul Justus Lück. Aaltos Vorschlag, für die Ausmalung der Taufkapelle Pablo Picasso und für die Fenster Marc Chagall zu gewinnen, wurde nicht umgesetzt. Stattdessen finden sich jedoch im Kirchenschiff und im Gemeindesaal verschiedene Chagall-Drucke und -Lithographien.

  • Von der Idee zum Bau

    Wolfsburg | VW-Werk | Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F038809-0028, CC BY SA 3.0, Foto: Lothar Schaack, 1973

    Wolfsburg wurde unter den Nationalsozialisten 1938 als “Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben” gegründet, als Wohnort der Arbeiter des wachsenden VW-Werks. Die Grundlagenplanungen von Albert Speer und Peter Koller zeigten eine in die Landschaft eingebettete “Stadt im Grünen” vor. Zwar sahen Speer und Koller Bauplätze für Kirchen vor, von denen jedoch keiner genutzt werden konnten. Nach Kriegsende benannte man die Stadt in Wolfsburg um und wollte auch städtebaulich die Wende hin zu einem wirtschaftlich aufstrebenden, demokratisch verfassten Standort markieren. Internationale Architekten, darunter Alvar Aalto, wurden für prägende öffentliche Bauten engagiert. Und innerhalb von wenigen Jahren wuchsen nicht nur neue Stadtteile, sondern auch neue Kirchenbauten aus dem Boden.

    Im Süden von Wolfsburg, auf dem Klieversberg, hatte man vor dem Krieg erst einige wenige Punkte des “Koller-Plans” umsetzen können. Nach 1945 führte Koller als Stadtbaurat seine Arbeiten weiter und entwickelte die Gartenstadt “Klieversberg Süd” (später kurz: Klieversberg). Die dortige evangelische Kirchengemeinde wurde 1961 selbständig. Bereits 1958 hatte man Alvar Aalto, der zeitgleich das Wolfsburger Kulturhaus erstellte, mit den Planungen für die neue Kirche beauftragt. So konnte bereits am 12. August 1961 der Grundstein gelegt und am 6. Juni 1962 die Einweihung gefeiert werden. Der Kindergarten folgte bis 1964. 1999 wurde der Kirchturm einer Betonsanierung unterzogen. Seit 2015 gehört Hl. Geist zur Lukasgemeinde, die drei Pfarrbezirke in Wolfsburg verbindet.

  • Der Architekt Alvar Aalto

    Wolfsburg | Stephanus-Gemeindezentrum | Deckengestaltung | Foto: Karin Berkemann

    Der Architekt und Designer Alvar Aalto wurde am 3. Februar 1898 im finnischen Kuortane geboren. Sein Architekturstudium in Helsinki schloss er 1921 ab, um den Wehrdienst zu absolvieren und sich 1923 mit dem “Büro für Architektur und Monumentalkunst” in Jyväskylä (später in Turuk) selbständig zu machen. 1924 heiratete er Aino Marsio (1906-49), nach deren Tod Elissa Kaisa Mäkiniemi (1922-94) Aaltos zweite Ehefrau wurde. Beide Frauen arbeiteten als Architektinnen und Designerinnen im Büro Aalto, zeichneten jeweils mit Aalto die Entwürfe und trugen in den meisten von Aaltos Kirchenbauten zur Innenausstattung bei. International bekleidete Aalto verschiedene Lehraufträge, z. B. in Cambridge, und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Ehrendoktor der TH Wien. Am 11. Mai 1976 verstarb er in Helsinki.

    Schon vor, aber vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg agierte Alvar Aalto (mit seinem Büro) weltweit. Als Kind soll er sich in deutsche Literatur vertieft und die Sprache erlernt haben. Über seine Freundschaft mit dem Künstler Lázló Moholy-Nagy war Aalto gut vertraut mit den Ideen und Werken des Bauhauses. So lassen sich in seinem architektonischen Schaffen Einflüsse von Walter Gropius, in seinem Design Anlehnungen bei Marcel Breuer nachweisen. In Deutschland hinterließ Aalto insgesamt sechs Bauten: ein Hochhaus (1957) bei der wegweisenden Berliner IBA, ein Hochhaus (1962) in Bremens Prestigesiedlung Neue Vahr, das Opernhaus (Entwurf 1959, Ausführung 1988) in Essen sowie das Kulturhaus (1962), die Hl. Geist-Kirche (1962) und das Stephanus-Gemeindezentrum (1968) in Wolfsburg.

  • Literatur (Auswahl)

    • Kirchliches Bauen in der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers, hg. vom Landeskirchenamt anläßlich der 13. Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 3. bis 8. Juni 1966 in Hannover, Hannover 1966, 24-25, 60.
    • Karin Berkemann: “Die Himmel wechseln ihre Sterne”. Begegnungen mit modernen Gottesdiensträumen der hannoverschen Landeskirche, in: Heinrich Grosse u. a. (Hg.), Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968, Hannover 2011, 421-446.
    • Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanus-Kirche Wolfsburg, Lindenberg/Allgäu 1999.
    • Werner Läwen (Bearb.): Evangelische Kirche in Wolfsburg. Entwicklungen, Probleme, Perspektiven (Texte zur Geschichte Wolfsburgs 18), hg. vom Ev.-luth. Kirchenkreis Wolfsburg in Zusammenarbeit mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, Wolfsburg 1988.
    • Stephanuskirche. Wolfsburg-Detmerode. Einweihung am 1. Dezember 1968, hg. von der Ev.-luth. Stephanusgemeinde Wolfsburg, Wolfsburg 1968.
    • Internetpräsenz des Alvar Aalto Zentrums Deutschland e. V. Wolfsburg: www.aalto-wolfsburg.com.

Text: Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald

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