Wolfsburg

Stephanus-Kirche

Anschrift Kirche
Detmeroder Markt 6
38444 Wolfsburg
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche MO, DI: 10.00 - 12.00 Uhr
    DO, FR: 9.00 - 12.00 Uhr
    DO: 18.00 - 19.00 Uhr
    und auf Anfrage im Büro: 05361 71443
    Anschrift Pfarramt Evangelisch-Lutherische Stephanusgemeinde Wolfsburg
    Detmeroder Markt 6
    38444 Wolfsburg
    05361 71443
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    Öffnungszeiten Pfarramt MO, DI: 10.00 - 12.00 Uhr
    DO, FR: 9.00 - 12.00 Uhr
    DO: 18.00 - 19.00 Uhr
    Gottesdienstzeiten Kirche SO: 11.00 Uhr
    Die aktuellen Gottesdienstzeiten können online eingesehen werden unter: www.stephanus-wolfsburg.de/Gottesdienste.
    Kirchen im Norden

50 Jahre ohne

Immer wieder kommt es vor, dass gutmeinende Gäste eine Spende anbieten. Damit die Gemeinde sich endlich Glocken leisten könne. Fragt man nach den Gründen, warum der Turm der Stephanus-Kirche seit inzwischen 50 Jahren leersteht, werden unterschiedliche Motive angeführt. Damals, 1968, habe schlicht das Geld gefehlt. Und wenn, dann wollte man doch lieber in soziale Belange investieren, statt mit einem “sakralen” Symbol extra Schwellen zu schaffen. Auch könnten die schlanken Betonstützen des Turms nicht wirklich das zusätzliche Gewicht tragen. Fakt ist, dass sich das Stephanus-Gemeindezentrum am Detmeroder Marktplatz bestens behauptet. Die Betonmasten, die mit weißem Carrara-Marmor verkleidete Kirchenfassade und nicht zuletzt die stadtteiloffene Gemeindearbeit machen sichtbar: Hier ist Kirche, ob mit oder ohne Geläut.

  • Überblick
    Ort
    Wolfsburg

    Landeskirche
    Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers


    Name der Kirche
    Stephanus-Kirche

    Einweihung
    1968 (1. Dezember)

    Architekt
    Alvar Aalto
    Besonderheit
    In Wolfsburg-Detmerode entstand, nicht zuletzt durch die nutzende Aneignung durch die Gemeinde, das konsequenteste Gemeindezentrum im Werk des finnischen Architekten Alvar Aalto.

    Nutzung
    Liturgie, Kultur, Gemeindearbeit

    Standort / Städtebau
    Im Süden von Wolfsburg, am Detmeroder Markt, liegt die Stephanus-Kirche am Zielpunkt zweier Ladenstraßen erhöht auf einem Hügel.

  • Beschreibung

    Grundriss


    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Grundriss

    Die Kirche erhebt sich auf einem trapezförmigen Grundriss: Der Haupteingang liegt zum Markt hin an der breiten Südseite, dem gegenüber findet sich der Altarraum zum Hang hin an der kurzen Nordseite. Dem Trapez ist nach Osten ein schmales “Nebenschiff” mit Orgelempore beigefügt, an der Südostecke ein Turm freigestellt. Im Westen der Kirche gruppieren sich auf unregelmäßig vieleckiger Grundfläche verschiedene Gemeinderäume.

    Außenbau


    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Außenbau | Foto: Kirchenfan CC0 1.0

    Zum Markplatz hin zeigt sich die Kirche mit einer hochgeschlossenen, mit weißem Carrara-Marmor verkleideten Fassade und den weiß gefassten Betonmasten des Turms. Ein schmales Kragdach verbindet das angrenzende Gemeindezentrum mit dem Kirchenraum und überfängt zugleich das leicht aus der Fassadenmitte gerückte Hauptportal. Zur Hangseite präsentiert sich das flachgedeckte Gemeindezentrum mit weiß gefassten Kalksandsteinmauern und senkrecht untergliederten Fensterflächen. Hier wird die zum Markt, zum Hauptportal hin ansteigende Dachlinie ebenso sichtbar wie die Spitzen des Turms.

    Innenraum


    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Innenraum | Foto: K. Reichardt

    Betritt man die Kirche vom Markt her über den Südeingang, erschließt sich unmittelbar der blendend weiß gefasste Innenraum. Die Empore, die freie Bestuhlung und die indirekte Lichtführung über seitlich verdeckte, klar verglaste Fensterflächen lenken den Blick auf den zweifach gestuften Altarraum. Hier schwingt die Stirnwand, einem gerafften Vorhang gleich, mehrfach ein und aus. Der Altartisch wird von Bänken für die Schola gerahmt, auf den Stufen (von der Gemeinde aus) links durch eine Kanzel begleitet. Über den gesamten Gemeinderaum hinweg trägt die Decke hölzerne, schüsselförmige Schallreflektoren. Im Untergeschoss der Kirche, unter dem Altarraum, findet sich eine kleine Kapelle, in deren Mitte das um eine Stufe eingetiefte Taufbecken steht.


  • Liturgie und Raum

    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Altarkreuz(e) | Foto: K. Reichardt

    Die Nutzung des Stephanus-Gemeindezentrums hat sich immer wieder an die Bedürfnisse der Gemeinde angepasst: Die unter dem Kirchenraum angelegte Kapelle beispielsweise sollte zunächst als Werktagskapelle dienen, wurde dann aber zur Taufkapelle umgedeutet. Der zum Markt hin weisende Kirchenraum, mit einer beweglichen Bestuhlung ausgestattet, wurde seit den 1970er Jahren auch werktags offen gehalten. Mit dem gerichteten Gottesdienstraum auf der einen, der hohen Flexibilität auf der anderen Seite markiert die Stephanus-Kirche einen Umschwung im protestantischen Bauverständnis, wie es jeweils mit den Verlautbarungen des Evangelischen Kirchbautags festgehalten wurde: vom sog. Rummelsberger Programm von 1951 hin zur Darmstädter Resolution von 1969. Damit bietet das Stephanus-Gemeindezentrum eine Freiheit, die letztlich für die hohe Qualität des Ensembles spricht. Oder, wie es Aalto selbst zur Einweihung ausdrückte: “Baukunst […] ist nur zu finden, wenn der Mensch im Mittelpunkt steht.”

  • Ausstattung

    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Ausstattungsdetail | Foto: K. Reichardt

    Weite Teile der Ausstattung wurden von Aalto selbst entworfen: von den Türklinken über die Schallreflektoren und Beleuchtungskörper bis hin zu den Prinzipalien. Bestimmend ist das Wechselspiel aus Holz (Bestuhlung, Türen, Orgelgehäuse), Carrara-Marmor (Schola-Bänke, Altartisch, Taufstein) und kleinen Metall-Akzenten (Beleuchtungskörper). Die Lamellenstruktur wiederholt sich mehrfach, etwa in den Beleuchtungskörpern, an der Südwand der Kirche, in der Taufkapelle und unter der Altarplatte. Über dem Altar kam 1974 ein Mobile des Wolfsburger Bildhauers Jochen Kramer hinzu. Die hier heute erkennbare Kreuzform wurde von der Gemeinde selbst in Schwarz nachgezogen. 2012 ergänzte man ein Altarkreuz des Künstlers Thomas Leu. Bereits 2006 gestaltete der Künstler Stephan Lindegger teils gemeinsam mit Jugendlichen drei Lichtstelen. Die Orgel wurde 1970/75 von der Werkstatt Hermann Eule aus Bautzen gefertigt, das Gehäuse folgt Entwürfen von Aalto.

  • Von der Idee zum Bau

    Wolfsburg | Stephanus-Kirche | Portal | Foto: K. Reichardt

    Wolfsburg wurde 1938 unter den Nationalsozialisten als “Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben” gegründet, als Wohnort der Arbeiter des wachsenden VW-Werks. Die Grundlagenplanungen von Albert Speer und Peter Koller zeigten eine eingebettete “Stadt im Grünen”, die vorgesehenen Bauplätze für Kirchen konnten jedoch in keinem Fall genutzt werden. Nach Kriegsende benannte man die Stadt in Wolfsburg um und wollte auch baulich die Wende hin zu einem wirtschaftlich aufstrebenden, demokratisch verfassten Standort markieren. Innerhalb weniger Jahre wuchsen mit den neuen Stadtteile auch neue Kirchen aus dem Boden. Bei den öffentlichen Bauten ebenso wie bei den Gottesdiensträumen insistierte die Stadt auf künstlerisch qualitätvolle, repräsentative Entwürfe.

    Im Süden von Wolfsburg, im gerade entstehenden Stadtteil Detmerode, wurde der Architekt Alvar Aalto 1962 für den Bau der neuen evangelischen Kirche angefragt und 1964 offziell beauftragt. In Wolfsburg hatte er sich bereits mit dem Kulturzentrum und der evangelischen Kirche Hl. Geist als stilsicherer Baumeister ausgewiesen. Der Grundstein für das Stephanus-Gemeindezentrum wurde am 20. April 1966 gelegt, die Einweihung am 1. Dezember 1968 gefeiert. 1966/67 verzögerte eine Rezession vorübergehend die Bauarbeiten. Zunächst konnte 1967 das Gemeindehaus eingeweiht werden, wo erste Gottesdienste stattfanden. Der im Nordwesten vorgesehene Pfarrhaustrakt wurde ebensowenig umgesetzt wie drei der ursprünglich zwölf geplanten Betonmasten oder die mit Holzlamellen verkleidete Glockenstube. In den 1990er Jahren wurden Turm und Kirchenbau saniert, die marmorverkleidete Fassade erneuert und die Turmstreben weiß gefasst.

  • Der Architekt Alvar Aalto

    Wolfsburg | Hl. Geist | Deckengestaltung | Foto: Christian Gänshirt, CC BY SA 4.0

    Alvar Aalto wurde am 3. Februar 1898 im finnischen Kuortane geboren. Sein Architekturstudium in Helsinki schloss er 1921 ab, um den Wehrdienst zu absolvieren und sich 1923 mit dem “Büro für Architektur und Monumentalkunst” in Jyväskylä (später in Turuk) selbständig zu machen. 1924 heiratete er Aino Marsio (1906-49), nach deren Tod wurde Elissa Kaisa Mäkiniemi (1922-94) seine zweite Ehefrau. Beide Frauen arbeiteten als Architektinnen und Designerinnen im Büro Aalto, zeichneten jeweils mit ihm die Entwürfe und trugen in den meisten seiner Kirchenbauten zur Innenausstattung bei. International bekleidete Aalto verschiedene Lehraufträge, z. B. in Cambridge, und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Ehrendoktor der TH Wien. Am 11. Mai 1976 verstarb er in Helsinki.

    Schon vor, aber vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg agierte Aalto (mit seinem Büro) weltweit. Als Kind soll er sich in deutsche Literatur vertieft und die Sprache erlernt haben. Über seine Freundschaft mit dem Künstler Lázló Moholy-Nagy war Aalto vertraut mit den Ideen und Werken des Bauhauses. So lassen sich in seinem architektonischen Schaffen Einflüsse von Walter Gropius, in seinem Design Anlehnungen bei Marcel Breuer nachweisen. In Deutschland hinterließ Aalto sechs Bauten: ein Hochhaus (1957) bei der wegweisenden Berliner IBA, ein Hochhaus (1962) in Bremens Prestigesiedlung Neue Vahr, das Opernhaus (Entwurf 1959, Ausführung 1988) in Essen sowie das Kulturhaus (1962), die Hl. Geist-Kirche (1962) und das Stephanus-Gemeindezentrum (1968) in Wolfsburg. Die beiden Wolfsburger Aalto-Kirchen blieben seine einzigen “sakralen” Bauten in der Bundesrepublik, dabei wird die Stephanus-Kirche als Rückkehr zu seinem Funktionalismus der 1930er Jahre gewertet.

  • Literatur (Auswahl)

    • Kirchliches Bauen in der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers, hg. vom Landeskirchenamt anläßlich der 13. Tagung für evangelischen Kirchenbau vom 3. bis 8. Juni 1966 in Hannover, Hannover 1966.
    • Karin Berkemann: “Die Himmel wechseln ihre Sterne”. Begegnungen mit modernen Gottesdiensträumen der hannoverschen Landeskirche, in: Heinrich Grosse u. a. (Hg.), Kirche in bewegten Zeiten. Proteste, Reformen und Konflikte in der hannoverschen Landeskirche nach 1968, Hannover 2011, 421-446.
    • Holger Brülls: Heilig-Geist-Kirche, Stephanus-Kirche Wolfsburg, Lindenberg/Allgäu 1999.
    • Nicole Froberg/Ulrich Knufinke/Susanne Kreykenboom: Wolfsburg. Der Architekturführer, Berlin 2011.
    • Werner Läwen (Bearb.): Evangelische Kirche in Wolfsburg. Entwicklungen, Probleme, Perspektiven (Texte zur Geschichte Wolfsburgs 18), hg. vom Ev.-luth. Kirchenkreis Wolfsburg in Zusammenarbeit mit dem Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, Wolfsburg 1988.
    • Stephanuskirche. Wolfsburg-Detmerode. Einweihung am 1. Dezember 1968, hg. von der Ev.-luth. Stephanusgemeinde Wolfsburg, Wolfsburg 1968.
    • Archive: Landeskirchliches Archiv Hannover, Archiv der Evangelisch-Lutherischen Stephanusgemeinde Wolfsburg.
    • Internetpräsenz des Alvar Aalto Zentrums Deutschland e. V. Wolfsburg: www.aalto-wolfsburg.com.
    • Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt, sie werden beim Klick auf das jeweilige Bild sichtbar.

Text: Dr. Karin Berkemann, Frankfurt am Main/Greifswald

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